Zwei Worte

Da steht er, mein Rucksack. Rot. Zugebunden mit einer gelben Kordel. Prall gefüllt. Gefüllt mit Leben. Meinem Leben. Er steht draußen vor der Türe. Darauf wartend...

Wartet er wirklich? Will er tatsächlich geöffnet werden? Will ich ihn öffnen? Ich bin mir unsicher. Meine Atmung stockt. Bin ich stark genug? Kann ich ihn öffnen?

Ich wage mich etwas näher heran. Harmlos wirkt er von außen. Bereit, um genommen und getragen zu werden. Lange genug habe ich ihn mit mir herum geschleppt. Habe ihn zu dem gemacht, was er nun ist: Mein prall gefüllter Rucksack. Mein Dämon.

Ich wage kaum zu atmen. Ich weiß, was in ihm steckt. Und doch. Ein, zwei Schritte mehr und ich stehe direkt vor ihm. Stehe einem Teil meines Lebens gegenüber.

Zaghaft öffne ich die Schnalle. Entschlossen, mich mit ihm auseinander zu setzen. Mit jenem Teil meines Lebens, der so schwer wiegt. Der drückt. Der belastet und mich und meine kleine Familie nicht frei leben lässt. Wir sind seine Gefangenen.

Ich zupfe angespannt, angstvoll an der Kordel. Sie lässt sich problemlos öffnen. Ich halte meinen Atem an und ziehe den Rucksack auseinander.

Nichts. Leere. Ein schwarzes Nichts lacht mir höhnisch entgegen. Mein Atem beruhigt sich wieder. Ein, Aus. Regelmäßig und entspannt saugt meine Lunge den Sauerstoff auf. Kein Monster, das mich packt, kein Dämon, der nach mir greift. Nur ein schwarzes Nichts.

Und doch ist dieser Rucksack gefüllt. Ich kenne die Geschichte, die er beinhaltet. Kenne sie gut, habe sie erlebt, miterlebt und durchgemacht. Wo ist sie? Warum springen mich nicht die gesamten Emotionen an? Ich spüre, fühle nichts.

Ich ziehe den Rucksack noch weiter auseinander. Darauf bedacht, irgendeine Regung meines Körpers zu vernehmen. Etwas zu spüren. Nichts. Ich lache auf, bin erleichtert.

Doch nun bleibt mein Blick hängen. Mein Lachen erstickt. Mit Tränen in den Wimpern erkenne ich den Inhalt dieses Rucksackes. Ich mache einen Schritt zurück, ohne jedoch meinen Blick abzuwenden. Ich schließe meine Augen und atme. Es beruhigt mich.

Ich fasse wieder Mut und wende nun meinen Blick nicht mehr ab. Es ist nun einmal so, wie es war. Es ist meine Geschichte. Ein Teil von mir, von dir, von uns und unserer kleinen Familie. Wir haben es durchlebt. Haben es bislang noch nicht abschließen dürfen. Doch wie auch immer diese Geschichte enden und ausgehen wird, für dich, für uns, so sind die letzten beiden Jahre bereits ein Teil der Vergangenheit. Sie sind lediglich ein Puzzleteil von vielen.

Allein aus diesem Grund werde ich mich ihnen stellen. Den letzten beiden Jahren. Ich fasse Mut. Nur wer die Vergangenheit annehmen kann, kann seine Zukunft gestalten. Ich will nach vorne schauen. Will es mit jeder Faser meines Körpers.

Ich strecke mich, bin stark. Ruhig schlägt mein Herz. Poch. Poch. Poch. Ich nehme den Inhalt des Rucksackes heraus. Es sind nur Worte. Zwei Worte. Jene Worte, die diese beiden Jahre betiteln, bezeichnen und für sie stehen: Lebensverlust. Urteilunrecht.

© Johanna Floss