Styrkeproven

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Styrkeproven | story.one

Die meisten von euch werden sich wahrscheinlich über diesen Titel wundern. Styrkeproven heißt übersetzt die Kraftprobe. Styrkeproven heißt der bekannteste Radmarathon in Norwegen. Dabei fährt man von Trondheim nach Oslo 540km mit 3600hm non-stop. Genau dieses Rennen bestritt ich 2012 mit mein Papa am Tandem. Dieser Radmarathon findet jedes Jahr zur Sonnwende um den 21. Juni herum statt. Damals war ich zarte 17 Jahre alt und fühlte mich bereit für dieses lange Abenteuer. Gestartet waren wir um 8:00 morgens von Trondheim. Es dauerte einige Zeit bis wir aus der Stadt heraußen waren. Nach guten 100km ging es auf ein Hochplateau leicht steigend hinauf. Schon nach 150km kämpfte ich mit schweren Beinen und musste mit meiner Gedankenkraft arbeiten um dieses Tief zu überwinden. Die Landschaft war unbeschreiblich schön. Papa, der das Rennen zum insgesamt 5. Mal schon fuhr, erzählte mir, dass es nach dieser Hochplatte eh nur noch bergab gehen würde und wir ja nach Oslo rollen würden. Ich glaubte solchen Aussagen meines Vaters prinzipiell nicht, allerdings ließ mich dieser Gedanke wieder motiviert in die Pedale treten. Schon hier oben war ein leichter Hauch von Wind zu spüren. Wir verpflegten uns am höchsten Punkt. Leider verpassten wir genau in diesem Moment eine große Gruppe, bei der wir uns ein paar Körner hätten sparen können. Rollt man doch im Windschatten um einiges leichter als ohne. Etwas frustriert über die verpasste Chance stiegen wir wieder auf und ich wartete nur auf dieses "Bergab". Es verging wie im Flug und wir kamen zu dem besagten Ende dieser wunderschönen Hochplatte. Und jetzt ging es nur noch bergab. Ja, aber der Gegenwind wurde immer stärker und wir fuhren statt den geschätzten 60km/h nur 30km/h bergab. Das war wohl der frustrierenste Moment des ganzen Rennens für meinen Papa. So fing er zum Grübeln an ob wir überhaupt ins Ziel kommen würden. Jetzt war ich an der Reihe ihn aufzubauen. Es gelang mir sehr gut und so strampelten wir bei Gegensturm weiter. Kurz vor Lillehammer machte uns nasser Nieselregen das Leben auch nicht leichter. Wir kühlten nach und nach aus. Schnell mussten wir uns wieder verpflegen damit wir wieder zu Kräften kamen. Hügelig ging es weiter und allmählich dämmerte es. Von Weitem konnte ich schon die Lichter von Oslo sehen. Aber es sollte noch einige Zeit dauern. Meine Hände schmerzten enorm. Mit unserer gemeinsamen Gedankenkraft konnten wir uns Stunde für Stunde und Kilometer für Kilometer unserem Ziel nähern. Mein Papa war schon richtig verfroren, da er den ganzen Wind abbekam. Ich war dank der Tandem-Position gut geschützt und mir war somit nicht ganz so kalt. Kurz vor Oslo mussten wir noch einige Baustellen durchqueren und gefühlt sogar einen Umweg machen. Nach sage und schreibe 18 Stunden und 57 Minuten erreichten wir das Ziel in Oslo. Ich konnte nicht glücklicher sein. Von dem Zeitpunkt weg wusste ich, die Kraftprobe bestanden zu haben und für jeden langen Wettkampf gewappnet zu sein.

© Johanna Hiemer 01.05.2020