Anders als ich dachte

„Das Leben ist ein Kampf – siege!“ oder: „Das Leben ist ein Schwimmen gegen den Strom – pass auf, dass Du nie untergehst!“ Zugegeben, diese Ratschläge väterlicherseits haben mich als Kind stärker gemacht, mich auch in schwierigen Situationen kämpfen, nie aufgeben oder untergehen lassen.

Die Augen geöffnet hat mir aber ein Buch, dass ich als Jugendlicher von meiner Mutter bekam: „Der kleine Prinz“, die Botschaft, dass man alles auch ganz anders sehen kann. „Die Art, wie Du lebst, ist wichtig“, so sagte sie mir damals, „der Wille, es gut zu machen. Die Gründe dafür, nicht das Ergebnis. Das kommt dann von selbst, am Ende wird alles gut.“

Dann fing sie an, mir aus dem „Kleinen Prinz“ vorzulesen …

Eines Tages kam der Kleine Prinz zu einigen Bauleuten. „Wer seid Ihr?“, sagte der Kleine Prinz. „Wir sind Gestalter des Lebens“, sagten die Bauleute. „Ach, Ihr seht ja ganz normal aus“, dachte der Kleine Prinz; „nicht so, wie ich mir solche Leute vorgestellt habe.“

Und er sagte: „Mit welchen Fortschritten seid Ihr denn schon fertig?“ – „Mit keinen“, antworteten die Bauleute, „wir sind dabei, uns selbst und damit auch alles andere zu verändern.“

„Mmh“, sagte der Kleine Prinz, „es bleibt doch sowieso alles so, wie es ist, oder?“ – „Nein“, sagten da die Bauleute. „Früher fühlten wir uns stark, heute sind wir schwach. Früher wussten wir uns im Besitz der Wahrheit, heute suchen wir sie. Früher waren wir satt, heute sind wir wieder hungrig.“

„Aber“, fragte der Kleine Prinz neugierig geworden, „warum macht Ihr denn so was? Seid Ihr dazu gezwungen worden?“ – „Nein“, lachten die Bauleute, „wir alle sind völlig freiwillig hier. Und wir werden täglich mehr!“

„Und wann seid Ihr damit endlich fertig?“, fragte der Kleine Prinz etwas ungeduldig. „Dann komme ich wieder und schaue mir das Ergebnis an!“ – „Dann wirst du niemanden mehr antreffen – oder uns nicht mehr erkennen. Wie gesagt, wir verändern uns hier ständig, der Weg ist unser Ziel.“

„Ach, das verstehe ich nicht so ganz“, brummte der Kleine Prinz. Aber er dachte: „Irgendwie verrückt, und spannend!“ – Aber dann, nach kurzem Überlegen, sagte er: „Darf ich bei Euch bleiben?“

Das Buch müsste ich eigentlich noch haben; vielleicht schaue ich eines Tages mal nach, ob das wirklich so darin steht …

© Joop-van-Hövede