Begabungen

Meine Mutter war eine Frau, die man nie vergisst. Würde man mich nach einer hervorragenden Eigenschaft, einer besonderen Begabung sprechen, fiele mir zunächst nichts ein; sie war einfach in sich stimmig, ein Gesamteindruck, ein Gesamtkunstwerk.

1965

Vielleicht war es die Art, ihre Kinder zu fördern. Sie unterstützte nicht dieses oder jenes Talent, sie sagte nie: „Bau das aus, das kannst Du gut“, sie sagte einfach: „Tue das, was Du wirklich möchtest. Alles, was Du anpackst, wird gut!“

1969

Sie war schon fast 50, als sie sich entschloss, doch noch schwimmen zu lernen. „Das wäre doch gelacht“, sagte sie, „warum soll ich das nicht können, was alle anderen auch können, nur weil ich es als Kind nicht lernen durfte?“ Was Hänschen nicht lernt, lernt Franziska umso besser.

1973

Als Jugendliche haben wir sie richtig gefordert; es war sicher nicht einfach mit einem Mann und drei Jungs, die ihre Interessen klar formulierten. „Was willst Du eigentlich selbst?“, haben wir sie oft gefragt. „Was macht Dich glücklich?“ – „Mein größter Wunsch ist es, dass Ihr glücklich seid“, lautete ihre Antwort. „Mehr brauche ich nicht zum Glücklichsein.“

1977

Nur manchmal bekamen wir tiefere Einblicke in ihr Seelenleben. Nicht, dass sie über sich selbst sprach. Nein, sie blieb einfach etwas länger im Keller als sonst; und als einer von uns nachsehen ging, wo sie blieb, stand sie weinend an der Waschmaschine. War es eine Trauer über die ungelebten eigenen Anteile? „Nein“, sagte sie, „das Leben ist schön, so wie es ist.“

1981

Ihre größte Fähigkeit war zweifellos das Zuhören. Nicht als stumme, passive Entgegennahme von Mitteilungen. Sondern als lebendiger Spiegel, als emphatisches Gegenüber, als jemand, der half, ohne etwas sagen zu müssen. Manche Lebensentscheidung wäre ohne ihre Ohren nie zustande gekommen. Sie war ganz Ohr.

2001

Als sie über 80 wurde, war es gut – gewesen. „Es reicht doch“, sagte sie wie nach einer langen Reise, „ich blicke dankbar zurück. Und voller Spannung nach vorn: Wie freue ich mich darauf, dem alten Herrn da oben endlich mal hinter die Karten schauen zu dürfen!“

2005

Bevor sie ging, bat sie alle, die an dem Tag in der Nähe waren, am späten Vormittag zu einem Glas Wein. Was sie zu dieser Stunde noch nie getan hatte. Eine kleine Liturgie, die nur sie verstand. Als sie ein paar Stunden später allein und friedlich starb, war da wohl ein anderer, der ihr zugehört hatte.

1920-2005. Wer meiner Mutter begegnet ist, ist dem Leben begegnet. Wer ihr richtig zugehört hat, hat das Leben verstanden.

© Joop-van-Hövede