Die Besten gehen immer zu früh

Zum ersten Mal erlebte ich es als Kind, vielleicht war ich fünf oder sechs. Mein Spielfreund Ludger auch, und wir standen zusammen an der Straße, als sich ein LKW in einer für uns unüberschaubaren Geschwindigkeit näherte. Ich blieb stehen, Ludger nicht. Ich hörte einen lauten Schrei, und ich sah Blut, aber verstanden habe ich es damals noch nicht.

Als vorpubertierender Jugendlicher träumte ich von einem bürgerlichen Leben, mit Haus, Garten, Hund und Andreas, in den ich damals wohl, vorübergehend schwul orientiert, ein wenig verschossen war. Zumindest stand es so in meinem Tagebuch, das ich leider, in einer viel späteren und vor allem viel peinlicheren Phase meiner Entwicklung, aus Scham vernichtete. Aber mit Andreas wäre es sowieso nichts geworden. Seine Eltern zogen aus unserem Ort weg, und mit ihnen leider auch die Liebe meiner frühen Phase.

So hatte ich schon lange, bevor ich erwachsen wurde, gelernt, dass ein Leben auch aus Verlusten besteht. Nur warum, fragte ich mich, gehen immer die Besten zuerst, und meistens dazu noch viel zu früh? Es sollte sich fortsetzen: Ulli, vielleicht der netteste, zumindest der Originellste meines Abiturjahrgangs, lebte danach nicht mehr lange. Eine Nachbarin vom Haus gegenüber meiner ersten eigenen Wohnung verabschiedete sich mitten im Leben; immerhin hatte sie die 40 noch erreicht.

Der Blick über den Tellerrand zeigte mir, dass das frühe Gehen sich wahrlich nicht auf meinen Nahbereich beschränkte: Mal waren es sicherlich nicht die schlechtesten Musiker, die nicht alt werden konnten: Amy (27), Jimi (27), Janis (27), Jim (27), Bob (36), Kurt (27) heißen vielleicht nur die bekanntesten unter ihnen. Auch die Riege der politisch Engagierten kann sich sehen lassen: Zu John F. (46), Che (43), Rudi (39), Martin Luther (39) mag man stehen, wie man will: Ich zumindest hätte sie gerne länger bei uns gehabt. Was wäre wohl aus Österreichs Idolen Wolfgang Amadeus (35) oder Falco (40), was aus dem Schauspieler James (24), was aus dem Schriftsteller Heinrich von Kleist (34) oder dem Maler August Macke (27) oder Paula-Modersohn-Becker (31) geworden? Wir wissen es nicht.

Wir leben weiter mit den Menschen, die uns bleiben. Die zu früh gehen, behalten einen ewigen Platz in unserer Seele. Letztlich kommen Abschiede, Trennungen, Brüche und Tode immer zu früh. Auch wenn die eigenen Eltern uns erst mit 85 Jahren verlassen.

Jeder, der eher geht als wir selbst, geht zu früh. Gehen sie zu früh, weil sie die Besten waren? Oder sind es die Besten, weil sie so früh gegangen sind? Manchmal werden sie für uns danach erst zu den Besten. Die Erinnerung hält sie, hält uns selbst am Leben.

Vielleicht ist es auch gut, noch nicht der Beste zu sein. Ich muss, darf, möchte ja noch leben. Doch irgendwann kommt für jeden die Zeit, zum Besten zu werden. Kein Grund zur Traurigkeit. Aber ein Grund zum fröhlichen Gehen. Denn das wirklich Beste kommt zum Schluss.

© Joop-van-Hövede