Falsch oder richtig?

1972

Beim ersten Mal war es Steff. Sein Blick, seine Stimme, seine Zärtlichkeit, sein nahezu grenzenloses Vertrauen. Alles war so richtig und so einfach.

Nur sein Geschlecht. Ein Mann. Es fühlte sich damals so aufregend und verrückt an, und war doch gleichzeitig so schwierig.

Als er das erste Mal zu mir kam, geriet meine Welt ins Wanken. Nein: „Ich doch nicht!“

Aber es tat mir doch gut - wie das wahre, das wirkliche Leben, oder zumindest die Anfänge davon. Hand in Hand gingen wir durch die Straßen unserer Stadt. Und zogen sie doch schnell wieder auseinander, als die Realität jener Tage uns entgegentrat. Mit voller Wucht.

1992

Beim zweiten Mal war es Rose. Ihre Grübchen ließen mich beben, ihr Lachen mich erzittern, ihre Augen blickten bis auf den Grund meiner Seele. Ich erkannte sie mit der ersten Sekunde.

Alles so richtig und so leicht.

Nur ihr Beruf. 260 Euro für eine Stunde. Es fühlte sich damals so faszinierend und grandios an, und war doch gleichzeitig so falsch.

Als wir beieinander lagen, haben wir die Welt um uns herum vergessen. Ich fühlte mich wie neu geboren, in ihrem Schoß. Für Minuten sahen wir das Paradies, die Zeit stand still. Wir trockneten unsere Tränen, als es an der Tür klopfte und die Stunde zu Ende ging.

2012

Beim dritten Mal war es der Tod. Nicht als große Fülle, die man mir als Kind versprochen hatte; nein, die große Leere, das war seine Zusage. Loslassen und Vollendung zugleich, Abschied und Neubeginn. Nichts Falsches mehr tun können, endlich das endlos Falsche verlassen, endlich am Ziel, daheim. Alles war so richtig und so wunderbar.

So einfach, so leicht. Nur: kein Weg zurück. Nicht schwierig, nicht falsch. Niemand wird mehr in meine Richtung treten, niemand klopft mehr an der Tür, Ich wollte mich hinter den Horizont wagen, die Realität verlassen, das Falsche erkennen, und das Richtige tun.

2018

Mein Therapeut entlässt mich mit einem Lächeln: „Auch das geht vorbei. Nichts ist wirklich wichtig. Aber bleiben Sie dran, am Nichts!“

Joop van Hövede

© Joop-van-Hövede