Wenn die Turmuhr Steinzeit schlägt

Eigentlich war ich nicht wirklich motiviert. Eine Kollegin (M) feierte ihren Geburtstag zusammen mit Kollegen und eingeladen waren meines Wissens nur Kollegen. Sie war neu in der Stadt.

Wie es so kommt wurde ich zu einer dieser typischen Geburtstagsgruppen hinzugefügt, in denen die meiste Zeit nur Dreck geschrieben wird. Der Geburtstag selbst ist nur Fassade für das schmieren. Wie wohl die meisten Menschen, schalte ich solche Gruppen grundsätzlich auf lautlos. Allerdings bin auch ich ein soziales Wesen und beschränke daher die Lautlosigkeit auf zumeist 8 Stunden. Wie der Zufall so will, wurde kurz nach Ablauf der Lautlosigkeit etwas wichtiges in der Gruppe geschrieben. M wollte den Alkoholbedarf erheben und forderte namentlich meine Zu- oder Absage ein. In einem schwachen Moment sagte ich also zu.

Der Tag der Party. Die Party war hinter dem Neutor, zum Glück wohne ich nicht weit entfernt. Ich erschien gegen Mitternacht. Aus dem zweiten Stock donnerte schlechte Musik. Ich hatte ein ungutes Gefühl und noch wenig Alkohol im Blut. Die Türklingeln musternd, stellte ich fest, dass mir keiner dieser Namen irgendetwas sagte. Ich versuchte M zu erreichen. Es funktionierte nicht. Ich schlich um das Haus und hielt nach Leuten am Balkon ausschau. Ich sah keinen. Ich ging zurück zu den Klingeln. Namen wie "Huber" und "Frauenschuh" standen da. Klang alles zu alteingesessen für meinen Geschmack, denn der Wohnungsbesitzer kam aus Deutschland. Alle kamen sie aus Deutschland. Ich klingelte also bei Guttenberg. Er machte auf, aber erkannte mich nicht mehr. Ich passierte die Tür.

Die Party ist schnell erzählt. Es wurde zu peinlicher 90iger Musik getanzt. Gott sei Dank brannte die Box bald durch. Dann ging es in einen Bahnhofsclub.

Zur Sperrstunde stand ich an der Bar mit Hamburg und DJ Premier. Hamburg wutzelte sich ihre Tschik, wobei sie sich dessen natürlich nicht bewusst war, weil Hamburg eben. Ein Typ saß neben mir und wollte plötzlich auch eine. Hamburg verstand nicht, also versuchte ich zu übersetzen. Lag es am leichten Rausch oder an meinem Akzent, Hamburg verstand wieder nur Bahnhof. "Jetzt tu doch nicht so, wir sind doch keine Neandertaler" schoss es aus mir heraus. Darauf reagierte DJ Premier aufgeregt: "Du kannst den Typen doch nicht Neandertaler nennen, schau ihn dir doch mal an". Ich drehte mich dem Fremden zu. Er war behaart, extrem behaart, von Kopf bis Fuß. Irgendwie schaute er aus, wie ein Dornbusch und nun brannte er vor Wut. Wie so oft in solchen Situation, versuchte ich die Lage zu beruhigen und trotzdem Recht zu behalten. Ich war doch unschuldig. Doch wie so oft an diesem Abend wurde ich nicht verstanden. Ich merkte, dass mich der Fremde als Gefahr wahrnahm. Seine Gesicht leuchtete rot unter seinen Dornen hervor. Auch ich spürte das Adrenalin, doch dieses Wesen schien zu allem bereit. Mich überkam plötzlich der Verstand, ich schnappte mir den DJ und wir fuhren auf unseren Rädern der Morgensonne entgegen.

© Jorg Eichkatzerl