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#europelove

A face in a window on a passing train

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A face in a window on a passing train | story.one

Die graueste Stadt der Siebziger Jahre hieß Wien. Voller alter Menschen. Voller alter Frauen mit Hut und Fasanfeder. Voller alter Männer mit Kriegsvergangenheit im Herzen. Moreturi.

1976 hatte ich genug. Raus aus dem Grauen. Raus aus dem langweiligen Jusstudium. Raus aus den Sonntagen mit leer gefegten Straßen, den Schwarzweißtagen, der gefühlten, drückenden Nähe des Eisernen Vorhangs.

Das Ersparte zusammengesucht, den Rucksack gepackt. Bei Hütteldorf den Daumen hinaus gehalten und schon war ich auf dem Weg - nach Southampton. Fixe Idee. Ich wollte auf ein Schiff, raus in die Welt. Ohne Plan.

Aber das war egal. Die Junisonne strahlte, die Autos nahmen mich mit, Europa lachte mich an. Ein paar Tage in Paris, ein paar Abende mit existenzialistisch-trotzkistischen Debatten in einer WG am Montparnasse, die Überfahrt über den Kanal, die Kreidefelsen von Dover. Und London.

2 Uhr morgens. Angekommen. Keine Ahnung, wo ich schlafen sollte. Ein Wagen hält an. "Can I help?`" - "Do you know a youth hostel?" - "No, but you can crash at my home." Wow. Bin echt nicht in Wien.

Ein junger Westinder, wir trinken ein Bier und dann... gibt es nur ein Bett und irgendwann merke ich, dass ich tatsächlich nicht in Wien bin. Wir gehen trotzdem in Frieden auseinander.

St.James Park. Strahlende Sonne. London. Southampton kann warten. Im Gras sonnt sich eine wunderschöne Frau und ich nehme allen meinen Mut zusammen, um meine erste Engländerin anzusprechen. Fehlanzeige. Sie ist aus der Schweiz und arbeitet als Au Pair für die Besitzer des Swiss Cottage Hotels. "Die suchen Abwäscher".

Ich werde sofort genommen, weil die Küchenchefin aus Wien ist. 12 Pfund die Woche, Kost und Logis im Staff House. Nach 2 Wochen werde ich vom Abwäscher zum Zimmerkellner befördert.

Im Staff House teile ich mein Zimmer mit Sebastian aus Portugal. Verliebe mich ein wenig in Elisabeth aus Polen, die irgendwie Françoise Hardy ähnlich schaut und in zwei Monaten nach Kanada auswandern wird. Maria aus Spanien ist eifersüchtig auf Elisabeth, weil ihr Freund (aus Mexiko) mehr Elisabeth als Maria anschaut. Ljubica ist ein bisschen in mich verliebt, weil ich kroatisch spreche. Swiss Cottage Hotel, die "Auberge Espagnole" der 70er.

Nachmittags und abends habe ich frei. Streife durch London, besuche keine Museen, sondern Plätze, Orte, Menschen und Atmosphäre.

An einem solchen Ort, in einem Durchgang zur Tube, begegne ich Looby: Straßensängerin. Stimme wie Janis Joplin. Gesicht wie Mia Farrow. Haare wie Cher. Und ihre Lieder. Berührend. Mitreißend. Einfach.

Sommer 1976. Summer of music, summer of love.

Wir singen gemeinsam, schreiben zwei Lieder gemeinsam. Erleben das Eastend of London gemeinsam. Aber dann kommt ihr Freund aus Spanien zurück.

Herbst.

Nachdenken.

Zurück über den Kanal.

In Oostende steht der Kurswagen der ÖBB nach Wien.

Ein Lied von Looby begleitet mich:

Once I fell in love with a face in a window on a passing train. Don't suppose I'll ever see my love again.

© Josef Dengler 2019-05-07

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