Die Eröffnung der Fleischwarenabteilung

Ein Nachruf

Anfang der 90er Jahre befand sich Griechenland noch in der beneidenswerten Lage, unabhängig von EU-Verordnungen seine eigene Mentalität zu pflegen; man hatte Zeit für Gespräche, wer genug zum Leben hatte, war zufrieden, das uralte Auto wurde immer wieder fahrtüchtig gemacht, die Kinder liebevoll ins Alltagsleben eingebunden, der Schafhirte trank abends seinen Ouzo mit dem Bürgermeister im Kafenion, die Oma saß vor dem Haus und beobachtete das Treiben auf der Straße.

Wir waren damals in den Sommerferien mit unserem alten VW-Bus viel im Landesinneren unterwegs. Gelegentlich suchten wir einen "Super Market" auf, um uns mit frischem Obst und Trinkwasser einzudecken, außerdem gab es in diesen Geschäften immer Originelles zu entdecken.

Einmal schlenderten wir gerade durch einen solchen Laden, als uns ein dicker Herr im weißen, etwas zerknitterten Arbeitsmantel aufgeregt herbeiwinkte. Er strahlte über das ganze Gesicht, wobei er in schnellem Griechisch auf uns einredete. Wir folgten ihm neugierig in den hinteren Teil des Geschäfts, wo er stolz vor einer breiten, hell beleuchteten Vitrine stehen blieb, in der sich Fleisch- und Wurstwaren, verschiedene Käse, Eier und Aufstriche befanden. Einige Menschen, offenbar Stammkunden, standen bereits davor herum und bestaunten das leuchtende Wunderding.

Dahinter war eine junge Verkäuferin damit beschäftigt, aus einer 2-Liter-Flasche Ouzo in kleine Gläser zu füllen, die sie sorgfältig auf die Vitrine stellte. Unser netter Herr drückte uns zwei Gläschen in die Hand, bedeutete den anderen sich zu bedienen und erklärte feierlich, dies sei die Eröffnung der neuen Fleischwarenabteilung.

Wir riefen alle "Ja mas" und tranken unseren Ouzo, der sogleich wieder nachgefüllt wurde. Die Stammgäste lobten die sauberen Glasscheiben und das reichhaltige Angebot, wir genossen den erhebenden Augenblick inmitten überfüllter Regale und dann nahm der freundliche Supermarktbesitzer einen Aschenbecher, stellte ihn zu den Ouzogläsern, brachte eine Packung Zigaretten und verteilte sie unter den Umstehenden. Alle griffen dankbar zu, er gab uns Feuer, und so standen wir rauchend um die neue Fleischwarenabteilung, nahmen Teil an der Freude des stolzen Besitzers und hatten das erhebende Gefühl, unmittelbare Zeugen des Fortschritts der Menschheit geworden zu sein, während die Rauchschwaden langsam die Umgebung in milde Unschärfe tauchten.

Mit Wehmut denke ich heute oft an diese Begebenheit zurück, denn dieses Griechenland mit seiner liebenswerten Menschlichkeit droht unterzugehen im Sog der Geldgier, der menschenverachtenden Gewissenlosigkeit von Banken und Konzernen, wo gesichtslose Befehlsempfänger im Kampf um Prozente ihre Seele verkaufen und mit ihren tadellosen Anzügen und chromglänzenden Luxusautos doch nie einem griechischen Supermarktbesitzer im zerknitterten Arbeitsmantel das Wasser reichen können.

© Josef Peneder