Kalkmangel Teil 1

Man findet in der griechischen Landschaft immer wieder kleine Kirchlein, jedes nach einem bestimmten Heiligen benannt: Agios Pavlos, Agios Petros, Agios Georgios oder, wie in diesem Fall, Prophitis Ilias im Hinterland der Halbinsel Sithonia. Zu verschiedenen Anlässen wird dort eine kleine Messe gefeiert, ein bärtiger Papàs, umringt von Ikonen und älteren Frauen, rezitiert seine Litaneien, während die Männer gerne draußen über den Viehbestand oder die Politik diskutieren und rauchen.

Vor dem Osterfest werden diese Kirchlein auf Hochglanz gebracht, wozu auch ein frischer weißer Kalkanstrich der Außenfassade gehört. Dieser Kalk, Asvesti genannt, wird meist in Beuteln zu 5 Kilo verkauft, in Eimern mit Wasser verrührt und dann mit großen Pinseln oder kleinen Besen aufgetragen.

Als ich vor Jahren einmal mit Sotiris, meinem alten Freund und Tavernenwirt, an dem Kirchlein Prophitis Ilias vorbeifuhr, erzählte er mir mit verschmitztem Lächeln die folgende wahre Geschichte:

Es ergab sich einmal, dass die Helfer am Tag vor dem Osterfest, wo die Mauern in frischem Weiß leuchten sollten, keinen Kalk hatten. Jeder hatte sich offenbar auf die anderen verlassen oder gehofft, es würden schon noch ein paar Säckchen vom Vorjahr herumliegen.

Es war guter Rat teuer, denn zur nächsten Ortschaft war es weit und niemand hatte Lust, auf den staubigen Wegen zurückzufahren, zumal es bereits dämmrig wurde.

So überlegte man hin und her, bis schließlich einer die rettende Idee hatte: wir streichen die Kirche mit Joghurt!

Denn gleich in der Nähe hatte ein Hirte seine Behausung und er war auch sofort bereit, das gewünschte Material herbeizuschaffen. Das Joghurt war schön weiß, cremig, und ließ sich gut verstreichen. Schon nach einer knappen Stunde war das Werk vollendet, Profitis Ilias glänzte so richtig frisch in der Abendsonne. Hier würde morgen sicher ein würdiger Gottesdienst vonstatten gehen können. Auch hoffte man, dass sich der etwas säuerliche Joghurtgeruch über Nacht noch verflüchtigen würde. Gemeinsam brachen sie auf, um in der Dorftaverne ihren rettenden Einfall noch entsprechend zu begießen.

Die Geschichte hat aber noch ein höchst überraschendes Ende gefunden, doch davon handelt der zweite Teil!

© Josef Peneder