“Ach DAS meint ihr mit Europa!"

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Zaza kam 2015 alleine nach Österreich. Er war in Syrien gefoltert worden, wollte nicht in den Krieg ziehen, hatte einfach keine Perspektive. Sein Vater meinte er solle nach Europa gehen, denn in Syrien gäbe es einfach keine Zukunft für ihn. So kam er nach OÖ.

Vor einem Jahr hatte er die Chance an einem Programm der EU teilnehmen zu dürfen. Lehrlinge aus ganz Europa waren eingeladen, eine gewisse Zeit in Brüssel zu verbringen. Zaza war somit Teil einer Gruppe von Jugendlichen aus allen Ländern Europas, die gemeinsam eine sehr intensive Zeit verbrachten: Firmenbesuche, Ausflüge, Diskussionen, Präsentationen, feiern, lachen, staunen. Jeder aus einem anderen Land mit seiner persönlichen Geschichte, aber alle verbunden durch ihre Herkunft: Europa.

Am Tag seiner Rückkehr hole ich Zaza vom Flughafen ab. Er ist überwältigt von den Eindrücken, den neuen Freundschaften, den vielen Erlebnissen. An sich ist er ein sehr ruhiger, in sich gekehrter Mensch, der nicht viel spricht. Anders an diesem Tag, da sprudelt es nur so aus ihm heraus. Und als ich ihn schließlich frage: „Was war nun das absolute Highlight von diesen Tagen in Brüssel?“, kommt seine Antwort ganz spontan und mit einer Begeisterung, die ich bei ihm noch nie gesehen hatte: „Jetzt versteh ich endlich, was ihr immer mit EUROPA meint! Wir sind alle EUROPA. Das ist ja einfach ein Gefühl, dass wir alle zusammen gehören!“. So hatten seine Augen noch nie gestrahlt. Wie tief muss das Gefühl für einen jungen Menschen sein, wenn er sich plötzlich als Teil einer großen Gemeinschaft empfindet. Und diese Gemeinschaft war für ihn Europa. Hatte er nun doch einen Freund in Spanien, eine Freundin in Deutschland und viele Einladungen in alle Länder Europas zum gegenseitigen Besuch.

Und noch etwas hat er sich mitgenommen: An einem der letzten Abende wurden die Jugendlichen gebeten sich gegenseitig zu sagen, was sie aneinander schätzen. Wofür sie jemand anderen aus der Gruppe bewundern. Zaza war völlig überrascht von den tollen Worten, die sie ihm geschenkt hatten. Er ist so mutig. Er hat viel mehr gewagt als alle anderen Jugendlichen, die sie kennen. Was er erlebt hat, hat die anderen tief beeindruckt und sie gaben ihm dafür sehr viel positive Bestärkung und Anerkennung. Worte der Wertschätzung, die für ihn völlig überraschend kamen. Er ist etwas Besonderes, das haben sie ihn spüren lassen. Das war für ihn völlig neu und Balsam für seine Seele.

Der bis dahin völlig abstrakte Begriff von Europa, war für ihn plötzlich zu einem sehr schönen Gefühl geworden. Er hat sich als Teil einer Gemeinschaft empfunden. So spürt sich Europa an. Wir alle gemeinsam gehören dazu und spüren es. Oder auch nicht. Denn auch wir als Österreicher hatten dieses Gefühl schon wieder vergessen. Es war so selbstverständlich geworden. Zaza hat mir das wieder geschenkt. Und an seinen so emotional heraus posaunten Satz „Jetzt weiß ich endlich, was ihr mit Europa meint!“ werde ich mich noch sehr lange erinnern.

© Judith Raab