Katzenjammer

Ich war 15, hatte Liebeskummer, Pubertätsstufe rot! Unsere Sprachklassenreise nach England stand an. Meine Gastmutter wohnte in einem schmalen, dreistöckigen typisch englischen Reihenhaus in Newlyn, ein kleiner Fischerort. Greta, so hieß meine Gastmutter, war alleinstehend und kinderlos. Sie besaß eine Katze, welche sie mir voller Stolz als „This is Minky“ vorstellte. Sie ermahnte mich sogleich, ich solle „for God sake“ darauf aufpassen, die Türen und Fenster immer geschlossen zu halten, da Minky eine verwöhnte Hauskatze sei.

Am Abend saß ich oft Liebesgedichte schreibend und Minky streichelnd mit Greta im Wohnzimmer und lauschte mit ihr französische Chansons. Dann fing Greta oft an zu weinen. Ihr Vater war außerdem gerade im Krankenhaus und sie litt, so wie ich auch, an Liebeskummer. Eines Abends öffnete ich, bevor ich duschen ging, das Fenster meines Zimmers im Erdgeschoss. Ich war mir so sicher, dass ich meine Zimmertür geschlossen hatte, very sicher. Am nächsten Morgen wurde ich durch Rufe von Greta geweckt: „Minky, where are you? Minky!“. Oje, dachte ich nur, oje! „No, I haven´t seen Minky, sorry.“. Als ich am Abend heimkehrte, war Minky noch immer nicht aufgetaucht und die große Suche begann. Gretas selbst angefertigte Plakate: „Have you seen this cat?“, wurden in der ganzen Umgebung aufgehängt. Unglücklicherweise stürzte Greta bei der Such- und Plakat Aktion. Sie kam aus dem Krankenhaus mit einem Gips und der Diagnose „gebrochener Daumen“ zurück. Einige Tage vergingen. Mein schlechtes Gewissen trieb mich zudem in den Wahnsinn. „Hätte ich doch nur diese verdammte Tür zugemacht“!

Als ich am letzten Tag meines Aufenthaltes nach hause kam, sah ich ein Feuerwehrauto vor Gretas Haustür stehen. Die Katze war am Dach gesichtet worden und tatsächlich saß Minky leicht erschreckt und abgemagert auf dem Dach. Die Feuerwehrmänner die daraufhin zur Tat schritten, um die Katze zu retten, mussten zu ihrem Erstaunen feststellen, dass - auf dem Dach angekommen - von Minky keine Spur mehr war.

In dieser Nacht hörte ich komische Geräusche aus der Wand. Ich dachte ich halluziniere, aber das katzenähnliche Wimmern hörte nicht auf. Es klang auch verdächtig nah und wurde im Laufe der Nacht immer lauter. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen, das kann nur Minky sein, offensichtlich in der Wand eingemauert! Noch "before breakfast" äußerte ich meinen Verdacht. Wenige Stunden später wurde Minky aus einem zubetonierten Kaminschacht befreit. Der Schaden war enorm, aber Minky am Leben und alle glücklich. Minky war also vor den "firemen" am Dach in den Schornstein geflüchtet und ist 3 Stockwerke tiefer in der Wand bei meinem Zimmer gelandet, wo sie die Nacht durch miaute. Greta war überglücklich ihre Katze wieder zu haben und - „for god sake“ - ich war es auch. Am Abend saßen wir zusammen, hörten Jaques Brel, aßen Weißbrot mit Mayonnaise, weinten ein wenig und waren uns einig: "L’amour!", so ein Katzenjammer.

© Judith Thaler