Begegnung am Friedhof

Am 1. Dezember 2011 fand in einer Buchhandlung in Wien ein Autorenfest statt. Im Rahmen dessen konnten Autorinnen und Autoren „versteigert“ werden. Das bedeutete, dass Autorenpaten gesucht wurden, die sich für ein ganzes Jahr verpflichteten, in gutem Kontakt mit ihrem Autor zu stehen und eine – im besten Falle – konstruktive Beziehung aufzubauen. Ich stand auch zur Versteigerung, und es war keine Überraschung, dass mich Herr F., ein ausgefuchster Mann, der selbst eine Passion für das Schreiben hat, für gutes Geld ersteigerte. Er trat an diesem Abend zügig an mich heran, und erzählte mir von seiner in ihrem neunten Lebensjahrzehnt stehenden Kusine, die vor nicht allzu langer Zeit ein ungewöhnliches Erlebnis auf einem Friedhof hatte. Es wäre doch ein guter Einstand, wenn wir uns mit dieser Kusine träfen. Immerhin habe ich eine besonders gute Beziehung zu Friedhöfen.

Und wenige Wochen nach dem Autorenfest saßen Herr F., seine Kusine und ich in einem chinesischen Restaurant und es sollte ein paar Stunden dauern, bis die Kusine anhob, mir ihre Geschichte anzuvertrauen. Sie war einst im Friedhof Oberlaa, der mir gut bekannt ist, eingesperrt worden und habe schließlich versucht, über einen Einkaufswagen, der aus irgendwelchen Gründen bereit stand, eine Mauer zu erklettern. Die Ersteigung der Mauer gelang und sie rief um Hilfe. Ein edler Ritter hat sie erhört und auf sicheren Erdboden gesetzt.

Daraufhin war ich inspiriert und schrieb die Geschichte nicht ohne dichterische Freiheit auf. Um einen besonderen Schluss bemüht, ließ ich die Frau auf der Mauer sitzend eine Opernarie singen. Umso schneller wurde sie erhört. Diese Geschichte sollte eine von mehreren sein, die im Laufe des Jahres der Autorenpatenschaft entstand. Das eigentlich Erstaunliche geschah gleich einen Tag nach der Niederschrift der Friedhofs-Geschichte.

Ich besuche regelmäßig den Wiener Zentralfriedhof und an diesem Tag entschied ich, als Ausgangspunkt meines Spaziergangs den evangelischen Friedhof zu wählen. Es verhält sich so, dass ich wohl schon dutzende Male den evangelischen Friedhof betrat und mich der Betrachtung der Gräber und der Atmosphäre erfreute. Zu dieser Stunde jedoch sah ich nach vielleicht 300 Metern des Gehens einen Mann, dessen Alter schwer zu schätzen war, in einem Seitenweg stehen. Kaum aber hatte ich mich ihm auf relativ kurze Distanz genähert, setzte sich der Mann in Bewegung. Er ging hinter mir und ich bemerkte, dass er eine Opernarie sang. Zunächst realisierte ich noch gar nicht, was das bedeutete. Ich war bloß verblüfft, weil ich noch nie einen Menschen am Zentralfriedhof nur für mich eine Opernarie hatte singen hören. Und er sang aus voller Brust und für mehrere Minuten. Schließlich überholte er mich und scherte bald darauf in eine andere Richtung aus. Erst einige Stunden nach dem Geschehen war mir klar, dass der Mann auf mich gewartet haben muss, um mich mit einer Opernarie zu beglücken. Das steht felsenfest.

© Jürgen Heimlich