Biographiearbeit und Seniorentheater

2012 war das Jahr, in dem ich eine Ausbildung zum Seniorenanimateur absolvierte. Die Ausbildung war sehr kompakt und fordernd. Es stand nach nur wenigen Wochen für mich fest, dass Biographiearbeit jenes Feld ist, wo ich mich gerne zukünftig engagieren wollte. Die Auseinandersetzung mit den Lebensgeschichten von Menschen sollte sich tatsächlich – wenn auch in anderem Zusammenhang – zu einer besonderen Aufgabe in meinem Leben heraus kristallisieren.

Jene Stunden über Biographiearbeit habe ich bei der Ausbildung genossen. Zudem war für mich klar, dass als Abschlußprojekt nur etwas in Frage kam, das die Biographien von Senioren in den Mittelpunkt stellt. Gemeinsam mit einer Kollegin und einem Freund entstand ein Kurzdokumentarfilm, in dem Bewohnerinnen und Bewohner eines Seniorenheims in Wien von ihren positiven Erinnerungen berichten. Auf das Heim wurde ich aufmerksam, weil die Mutter meines Freundes, der für den Film als Kameramann fungierte, dort lebte.

Es war eine große Freude, mit den alten Menschen zusammen zu arbeiten. Sie waren anfangs eher reserviert, doch nach nur wenigen Besuchen öffneten sie ihre Herzen und sie sprachen mit sichtlichem Vergnügen über ihr Leben. Ein wunderbares Zeitdokument! Der Film wurde interessierten Bewohnerinnen und Bewohnern an einem Nachmittag auch gezeigt und hatte positive Resonanz. Ich mag den Film natürlich auch sehr.

Neben der Abschlußarbeit und einer theoretischen Prüfung bestand die dritte Aufgabe, bei der wir angehenden Seniorenanimateure bewertet wurden, darin, eine Übungsstunde mit Senioren zu gestalten. Hierbei sollten die Kurskolleginnen und Kurskollegen die Rollen der Senioren einnehmen. Wie im Vorfeld bekannt wurde, durfte sich niemand den Inhalt dieser Übungsstunde aussuchen, sondern der „Zufall“ sollte in Form der Ziehung eines Zettels entscheiden.

Nun verhielt es sich so, dass ich am Tag der Ziehung nachmittags einen wichtigen Arzttermin hatte. Somit musste wer anderer für mich ziehen. Am Abend nach dem Arzt-Termin rief ich bei meiner Kollegin an, die auch den Film mit mir gemacht hatte. Ich fragte sie neugierig, welche Übungsstunde sie denn für mich gezogen hat? Und ihre Antwort, die mich völlig perplex machte, war: „Seniorentheater!“ Also, das war der Oberhammer! Dem Film, der nur kurz vorher entstanden war, habe ich den passenden Namen: „Authentisches Theater im Haus ...“ gegeben. Schließlich hatte ich ursprünglich sogar die Idee, dass die Senioren ihre Geschichte auf einer Bühne erzählen, was aber leider nicht möglich war. Und nun also zog meine Kollegin für mich das Seniorentheater. Ich war begeistert!

Mir ist es nicht schwer gefallen, innerhalb kürzester Zeit meine Übungsstunde „Seniorentheater“ zusammen zu stellen. Ich brachte dabei u.a. meine Steiff-Teddybären ins Spiel, mit denen meine „Senioren“ eine Geschichte erzählten. Alle Beteiligten und der Prüfer waren begeistert. Manchmal ist das Leben einfach magisch.

© Jürgen Heimlich