Das Marzipanschwammerl

Während die Kusine von Herrn F., diesem ausgefuchsten Menschen, im chinesischen Restaurant ihr Essen zusammen stellte, erzählte er mir eine Geschichte, die sich erst wenige Wochen zuvor zugetragen hatte.

Er setzte sich wie immer mit seiner Kusine an den Tisch und freute sich darauf, Getränke bei der chinesischen Kellnerin zu bestellen. Üblicherweise war sie schnell zur Stelle, diesmal aber sah er sie wild gestikulierend telefonieren. Er wandte sich an seine Kusine: „Neujahr ist zwar schon ein paar Wochen her. Doch ich überreiche dir hiermit feierlich ein Marzipanschwammerl als Glücksbringer! Ein glückliches, neues Jahr wünsche ich dir!“ Herr F. war nicht so ganz bei der Sache. Er ärgerte sich innerlich darüber, dass die sonst so emsige Kellnerin immer noch nicht zum Tisch gekommen war, um die gewünschte Bestellung aufzunehmen. Er überlegte, aufzustehen und direkt auf die Kellnerin zuzugehen. Die junge Chinesin stand plötzlich da und fragte nach den Getränken. Herrn F. fiel auf, dass sie nicht so freundlich wie sonst war. „Haben Sie etwas auf dem Herzen?“, fragte er sie. „Stimmt etwas nicht?“ Sie schüttelte den Kopf. „Alles in Ordnung.“ Und nachdem sie die Bestellung aufgenommen hatte, verschwand sie schnell. „Komisch“, dachte er sich. „Normalerweise nimmt sie sich Zeit für ein kleines Schwätzchen.“

Herr F. und seine Kusine bedienten sich am Buffet und kehrten dann zum Tisch zurück. Er sprach seine Kusine darauf an, dass die junge Kellnerin offenbar heute nicht ganz bei der Sache sei. „Sie telefoniert ständig“, sagte er. „Vielleicht gab es einen Unglücksfall in der Familie?“ Seine Kusine ließ sich davon den Appetit nicht verderben. Sie aß und trank mit sichtlicher Freude. Herr F. hörte kaum die Worte, die seine Begleiterin an diesem Mittag sprach. Seine Gedanken beschäftigten sich mit der Kellnerin, mit der er sich schon viele Male köstlich unterhalten hatte. Sonst war sie so lieb, und heute dieses ständige Telefonieren und kein nettes Wort für ihn. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen!

Schließlich ging es ans Zahlen. Es dauerte auch einige Zeit, bis die Kellnerin zum Tisch kam. Und da sah Herr F. einen Anflug eines Lächelns in ihrem Gesicht. „Wie geht es Ihnen heute?“, fragte er sie. „Irgendwie sind Sie ganz anders als sonst.“ „Ich glaube, mein Cousin hat eine Auge auf Sie geworfen“, sagte seine Kusine mit leichtem Grinsen. Die Kellnerin errötete nicht. Und klärte dann den Sachverhalt. „Heute ist chinesisches Neujahr. Viele Mitglieder meiner Familie haben angerufen und mir Glück gewünscht. Und außerdem ist viel mehr los als sonst. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?“ Und da ging Herrn F. ein Licht auf. Natürlich, das war des Rätsels Lösung! Es war auch wirklich mehr Betrieb als sonst im chinesischen Restaurant. „Was für ein lustiger Zufall! Ich habe meiner Kusine vorher dieses Marzipanschwammerl als Glücksbringer geschenkt!“, sagte er der Kellnerin und präsentierte sein Mitbringsel. Alles war wieder im Lot.

© Jürgen Heimlich