Das rote Notizbuch

Es begann mit „Mond über Manhattan“. Der Roman gefiel mir und ich entdeckte das Werk von Paul Auster im Laufe der Jahre mit wachsendem Interesse. 2008 registrierte ich mich bei einer Plattform, um mich über berufliche Belange auszutauschen. Nach nur wenigen Tagen fiel mir eine Statusmeldung ins Auge, die ankündigte, dass Paul Auster im Juni des betreffenden Jahres Gast beim „Prague Writer´s Festival“ sein wird. Sofort knüpfte ich Kontakt zu der Frau, die darüber berichtet hatte. Und es stand für mich fest, dass ich bei diesem Festival unbedingt dabei sein will. Ich setzte also alle Hebel in Bewegung und mit Hilfe der Frau, die in Prag lebt, wurde ich sogar als Journalist akkreditiert.

Das klingt nicht spektakulär. So etwas mag jeden Tag tausende Male passieren. Also, dass wer eine Statusmeldung liest und daraus etwas entsteht, das nicht vorhersehbar war. Doch diese paar Tage in Prag sollten sich als unvergesslich erweisen. Paul Auster trat mehrere Male im Rahmen von Veranstaltungen auf. So stellte er seinen Film „The inner life of Martin Frost“ vor. Ich war von der Nacht vorher, in der ich wegen eines Wasserrohrbruchs im Bad in meinem Pensionszimmer keinen Schlaf hatte finden können, übermüdet und hatte mir noch am frühen Morgen ein Ersatzzimmer organisiert. Im Grunde wollte ich nur schlafen, schlafen, schlafen... Aber ich saß in einer der vordersten Reihen und lauschte Paul Auster, der sich beim Publikum bedankte, das sich zu vorgerückter Stunde im Theater einfand. Tatsächlich muss es nach 22 Uhr gewesen sein. Aber ich hielt durch, bekam jede Minute des Films mit.

Am nächsten Tag war ich halbwegs ausgeschlafen. Es stand eine Diskussion mit den Ereignissen des Jahres 1968 auf dem Programm, an der sich freilich auch Paul Auster beteiligte.

Zwei Tage später suchte ich mir anlässlich der Hauptlesung von Paul Auster einen für Journalisten zugelassenen Sitzplatz. Der „Zufall“ brachte es mit sich, dass ich unmittelbar hinter Paul Auster und seiner Frau Siri Hustvedt zu sitzen kam. Und dann passierte das Magische: Siri flüsterte Paul etwas ins Ohr und Paul Auster holte sein rotes Notizbuch aus seinem Jackett und notierte sich etwas. Ich bekam also unmittelbar mit, wie mein Lieblingsautor mit seinem berühmten roten Notizbuch hantierte! Wenig später war seine Lesung und ich stand voll unter dem Eindruck meiner einmaligen Erfahrung. Da war etwas geschehen, wofür Paul Auster bekannt geworden ist: Der „Zufall“ hatte auf erstaunliche Weise Regie geführt.

© Jürgen Heimlich