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Der Tod als Freund

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Der Tod als Freund | story.one

Tag für Tag gibt es in Fernsehkrimis und Filmen Tausende Todesfälle und Leichen zu sehen. Das ist aber bloß eine „Parallelwelt“, und hat mit der Realität nichts zu tun. Denn tatsächlich sind die wenigsten Menschen mit dem Tod per Du. Der Tod wird eher als Feind betrachtet. Der Tod wird aus dem Leben ausgeblendet.

Dabei ist es der Tod, durch den das Leben so wertvoll ist. Das Leben ist endlich, und jeder Augenblick bietet die Chance, etwas Besonderes zu erfahren. Ob mit dem Tod eine neue Tür aufgeht wissen wir nicht. Die Erfahrung des Todes haben schon viele Menschen und überhaupt Lebewesen gemacht. Niemand hat den Tod überlebt. Es gibt kein zurück. Doch es gibt das Leben, das dem Tod vorangeht.

Was Ostern so einzigartig macht, ist der Glaube daran, dass der Tod überwunden werden kann. Der Tod ist auch kein Sieger über das Leben. Der Tod triumphiert nicht. Doch der Tod kann ein Freund sein. Wenn es um die Frage geht, was mich wach hält, was das Leben für mich kostbar und einzigartig macht, dann ist es die Tatsache, dass es nicht unendlich lang dauert. Einmal wird mich der Tod ereilen. Das verbindet mich mit allen anderen Lebewesen. Vor einem Freund wie dem Tod kann man auch ein bisschen Angst haben. Es hat schon etwas Unheimliches an sich. Milliarden Jahre waren wir nicht am Leben, und nach unserem Tod werden vielleicht weitere Milliarden Jahre folgen, die wir nicht am Leben sind. Aber spielt für den Tod Zeit überhaupt eine Rolle? Und wenn uns nach dem Tod die Ewigkeit erwartet, dann ist es, wie es Viktor Frankl so schön ausdrückte, die Abwesenheit von Zeit, die uns mit dem verbindet, was wir Gott oder Mysterium oder unendliche Energie nennen.

Die Schnelllebigkeit der Zeit wird angesichts des Todes relativ. Jenen, die der Schnelllebigkeit Tribut zollen, läuft ohnehin die Zeit d avon. Sie wissen gar nicht, wie wertvoll das Leben ist. Ich gehe gerne auf Friedhöfe, und betrachte eingehend Gräber und Grabinschriften. So viele Menschen, deren Leben sich mit dem Tod vollendet hat. Ohne den Freund Tod gäbe es kein vollendetes Leben. Es wäre, schreckliche Vorstellung, wie es Nietzsche einmal formuliert hat, die ewige Wiederkehr des Gleichen. Das ist doch nicht wünschenswert? Auf den Friedhöfen verspüre ich keine Todesnähe, sondern fühle mich mit den Toten und den Lebenden verbunden. Denn alle Toten waren einmal lebendig. Und das ist eine schöne Vorstellung. Auf Grabsteinen sind oft Geburts- und Sterbedatum eingraviert. Und dazwischen jener Strich, der die Lebensspanne darstellt. Ja, dieser Strich ist es, der Leben bedeutet. Dieser Strich verbindet alle Lebensläufe. Er signalisiert gewesene Lebendigkeit.

Es gilt, den Tod als Freund zu akzeptieren. Es muss nicht der beste Freund sein. Aber ein Freund, dem ich nicht böse sein kann. Mit jedem gelebten Tag komme ich diesem Freund näher. Und eines Tages sehen wir uns von Angesicht zu Angesicht. Vielleicht bin ich dann darauf vorbereitet, vielleicht auch nicht. Der Tod ist so individuell wie das Leben.

© Jürgen Heimlich 2019-12-06

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