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Die Fledermaus in der Hand

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Die Fledermaus in der Hand | story.one

„Und wer will sie nehmen?“ Die Frau schaut in meine Richtung. Ich wende meinen Blick ab. Nein, auf keinen Fall, denke ich mir. Ganz sicher nicht! „Es wird sich doch wer freiwillig melden?“ Schließlich zeigt ein Mädchen zaghaft auf. Sie tritt dann an die Frau heran. „Hier hast du sie“, sagt sie und legt dem Mädchen die Fledermaus in die Hand. Ich muss 10 oder 11 Jahre alt gewesen sein, als meine Schulklasse eine Exkursion zum naturhistorischen Museum machte. Gleich vor dem Eingang erwartete uns eine Frau, die eine lebende Fledermaus mitgebracht hatte. Sie erzählte ein wenig von Fledermäusen. Davon, dass sie sich durch Echo-Ortung orientieren. Sie sehen schlecht und sind nachtaktiv. Es gibt sehr viele Arten. Später haben wir im Biologie-Unterricht näheres über Fledermäuse erfahren. Das Mädchen streichelte die Fledermaus. Und die Frau animierte uns dazu, der Fledermaus ebenfalls eine Streicheleinheit zu gewähren. „Sie ist noch sehr jung und fühlt sich ganz zart an. Ihr habt nichts zu befürchten.“ Nun, ich war ein eher ängstlicher Junge und die Fledermaus verlangte mir Respekt ab. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich sie auch nur für einen Augenblick berührt habe. Einige Schulkolleginnen und Schulkollegen haben es getan. Bis vor kurzem habe ich diese Erfahrung mit der Fledermaus erfolgreich verdrängt.

Nunmehr haben Fledermäuse an Renommee gewonnen. Zahlreiche Fotos zeugen davon. In Tageszeitungen, im Fernsehen und insbesondere im Internet. Und es gibt Berichte über Fledermäuse. Plötzlich ist die Welt der Fledermäuse von Interesse. Und das nur deswegen, weil sie dafür verantwortlich sein könnten, den Corona-Virus auf die Menschen übertragen zu haben. Möglich ist das nur, wenn die Tiere verspeist werden. Und das ist in China offenbar üblich. Viele Arten von Fledermäusen sind vom Aussterben bedroht. Ihr Lebensraum wird immer kleiner. Der Mensch in seiner Allmacht, die er zu haben glaubt, macht auch vor den Fledermäusen nicht Halt. Er zerstört die Rückzugsgebiete der Fledermäuse. Und sollen Fledermäuse Untiere sein, weil sie vielleicht einen Virus an den Menschen weiter gegeben haben? Dafür können diese Tiere nichts, die ich heute sehr schätze.

Mitte bis Ende der 1980er Jahre war ich gemeinsam mit einem Freund oft auf der Donauinsel laufen. Wir haben nach halber Strecke Halt gemacht, um uns auszuruhen. Und zurück sind wir nur teilweise gelaufen. Bei Einbruch der Dunkelheit konnten wir viele Fledermäuse beobachten. Sie flogen leise rufend durch die Nacht. Wir bewunderten diese besonderen Tiere. Angst hatte ich keine mehr vor ihnen. Auch in Döbling und sogar in Favoriten habe ich Fledermäuse durch die Luft segeln gesehen. Einmal ist mir eine sogar ganz knapp an meinem Ohr vorbei geflogen. Sie hat einen ganz leisen Laut von sich gegeben. Ich war kurz erschrocken und dann doch erstaunt, dass mich die Fledermaus nicht einmal touchierte. Ja, ich habe Respekt vor diesen Tieren. Und ich hoffe, dass sie nicht aussterben.

© Jürgen Heimlich 18.04.2020

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