Hin und weg in der Straßenbahn

Auf dem Weg zu meinem damaligen Arbeitsplatz fuhr ich stets mit der Straßenbahn bis zur Endstation. Die halbe Stunde Fahrt stand immer im Zeichen von Lektüre. Ich muss im Laufe der Jahre eine Menge Seiten weg gelesen haben. Doch was mir eines Tages widerfuhr, ist mir später in ähnlicher Form nie wieder passiert.

Ich beschäftigte mich mit „Hin und weg“, einem Roman des Schauspielers Ethan Hawke, der mittlerweile schon mehrere Bücher veröffentlicht hat. Ich schätze Ethan Hawke sehr, seit ich ihn in seiner ersten größeren Rolle im „Club der toten Dichter“ agieren sah. Und somit war ich auch sehr daran interessiert, mich mit seinem Romanerstling zu beschäftigen. Ich war also in die Lektüre vertieft. Die Endstation war nicht mehr weit. In wenigen Minuten würde ich das Buch in meinen Rucksack packen müssen und den kurzen Fußweg zur U-Bahn-Station bestreiten.

Da sprach mich der Mann mittleren Alters an, der schon längere Zeit neben mir gesessen sein muss. Er verwies auf das Buch und erzählte mir, dass er Ethan Hawke persönlich kennen gelernt hatte. Nun wurde ich freilich neugierig. „Ich habe Ethan Hawke im Rahmen von Dreharbeiten für den Film Before sunrise kennen gelernt“, sagte er. „Ein ausgezeichneter Film“, sagte ich. „Ja, und ich durfte eine Statistenrolle übernehmen. In einer Szene sollte ich mit Ethan Hawke zusammen spielen. Im Film fällt das kaum auf, aber für mich war es nachdrücklich. Ethan Hawke war sehr sympathisch und mir gegenüber wertschätzend.“ Ich war buchstäblich hin und weg. Der Mann neben mir hatte einen direkten Bezug zu einem meiner Lieblingsfilme! Before sunrise spielt fast ausschließlich in Wien. Zwei junge Menschen, ein amerikanischer Student und eine französische Studentin, beschließen, miteinander Zeit vom Abend bis in die Morgenstunden hinein in Wien zu verbringen. Sie haben sich in einem Zug kennen gelernt und der Amerikaner hat die Französin davon überzeugt, dass sie ihn in Wien begleitet. Dieser Film von Richard Linklater hat mittlerweile zwei ebenso großartige Fortsetzungen, nämlich Before sunset und Before midnight nach sich gezogen. Die Tiefgründigkeit von Before sunrise hat mich schon bei der ersten Sichtung buchstäblich mitgerissen.

Der Mann, der Bekanntschaft mit Ethan Hawke während der Dreharbeiten geschlossen hatte, stieg – daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern – vielleicht sogar eine Station früher als ich aus. Ich war völlig perplex, was ich erlebt hatte. Zum damaligen Zeitpunkt, es muss 1996 gewesen sein, war Ethan Hawke in Österreich wohl noch nicht sehr bekannt. Aber da gab es einen Mann, der in einer Szene zusammen mit Ethan Hawke offenbar mit einem Koffer hantierte. Und die Szene konnte ich bei späteren Sichtungen des Films identifizieren. Sehr kurz, und doch sehr nachdrücklich für jenen Mann, der mir von seiner Mitwirkung erzählte, nachdem er bemerkte, welchen Roman ich neben ihm in der Straßenbahn sitzend las.

© Jürgen Heimlich