Hochzeitstanz

1981 war ich zehn Jahre alt. Ich besuchte die erste Klasse des Gymnasiums und meine Welt bestand aus vielen Comics und Fernsehserien. Meine Eltern und ich waren zur Hochzeit der Schwester meiner Mutter eingeladen. Sie heiratete einen Mann, der insbesondere durch Humor hervor stach. Das bestätigte sich bei Zusammenkünften in späteren Jahren absolut.

An die Trauung erinnere ich mich überhaupt nicht. Das muss spurlos an mir vorüber gegangen sein. Aber was später folgte hat sich bis heute als besondere Erinnerung bewahrt. Mein Onkel, also der Bräutigam, hatte seine Schwester zur Hochzeit eingeladen. Und diese hatte eine Tochter, die in etwa in meinem Alter war. Ich weiß noch, dass der Saal beim Hochzeitsessen groß war. Keine Ahnung, was es zu essen oder zu trinken gab. Keine Ahnung, ob meine Eltern oder das Brautpaar tanzten. Ich weiß nur, dass ich mich etwas verloren fühlte.

Ich war ein schüchterner Bub und Mädchen gegenüber sehr zurückhaltend. In meiner Klasse war zwar ein Mädchen, das ich sehr mochte, jedoch nicht anzusprechen wagte. Die Tochter der Schwester meines Onkels trug, jedenfalls bin ich mir da recht sicher, ein dunkelblaues Kleidchen. Sie war hübsch anzusehen. Und im Gegensatz zu mir sehr kontaktfreudig. So brachte sie mich zum Tanzen. Und es blieb nicht bei einem Tanz. Wir tanzten unermüdlich, wobei es zwischendurch schon kleine Pausen gegeben haben muss, sonst hätte ich nicht durchgehalten. Das Mädchen hatte mich wohl ins Herz geschlossen und ich habe auf dieser Hochzeit mehr getanzt als ich später je irgendwo anders getanzt habe.

Das Mädchen und ich waren einander bei dieser Hochzeit sehr nahe. Wir tollten herum, drehten uns im Kreis, und ich verließ die Komfortzone, die ich sonst gewohnt war. Ich bekam eine Ahnung davon, was es bedeutet, aus sich selbst heraus zu gehen, ein Stück weit die Kontrolle zu verlieren. Und ich hatte mich damals auch ein bisschen in das Mädchen verliebt.

Schon im Alter von 5, 6 Jahren wünschte ich mir eine Schwester. Ich stellte mir nun das Mädchen, mit dem ich getanzt hatte, als meine Schwester vor. Ja, es wäre wohl wunderbar, ich könnte viel mit ihr teilen und ich würde sie beschützen. Leider blieb es bei der einen Zusammenkunft. Wir sahen uns nie wieder, aus welchen Gründen auch immer. Doch das Mädchen hatte bei mir enormen Eindruck hinterlassen. Meinem damals besten Freund erzählte ich, dass ich eine Adoptivschwester hätte. Ich schwärmte von ihr, und er glaubte mir das sofort. Einige Wochen tischte ich die herrlichsten Abenteuer auf, die ich mit ihr erlebt hatte. Doch eines Tages bekannte ich Farbe und gestand, dass ich mir alles nur ausgedacht habe. Das Mädchen aber gab es, und der Hochzeitstanz, der mich mit ihm verband, war ein erster Hinweis darauf, was Liebe sein mag: Nämlich eine Form von gegenseitiger Zuneigung, die jegliche Grenze überschreitet.

© Jürgen Heimlich