König Fußball im Zeitraffer

Im Herbst des Jahres 1983, nur wenige Tage nach der Geburt meines Bruders, spielte der Fußball-Verein meines Herzens, der Wiener Sportclub, gegen Wels. Ich war 12 Jahre alt und mein Vater hatte mich auf den Sportclub-Platz mitgenommen. Wenige Wochen vorher hatten wir gemeinsam eine unglückliche Niederlage des Sportclub gegen Eisenstadt miterleben müssen. Ich kann mich noch erinnern, dass mir die Kälte ziemlich zusetzte und nach einer Aufholjagd musste sich mein Team schließlich mit 3:5 geschlagen geben.

Nun das Spiel gegen Wels: Anfangs eine klare Sache für die Heim-Mannschaft und eine schnelle 2:0 Führung, die mich sehr erfreute. Aber in der zweiten Halbzeit gelang es Wels, das Spiel zu drehen und mit 3:2 in Führung zu gehen. „Nicht schon wieder“, dachte ich mir. Das Eisenstadt-Spiel steckte im Hinterkopf. Ich war enttäuscht, ebenso wie mein Vater.

In der laut Anzeigentafel letzten Minute des Spiels wurde dann auch noch auf Elfmeter für Wels entschieden. Ich war dem Weinen nahe. Mir lag mein Verein am Herzen und innerhalb weniger Wochen zwei unglückliche Niederlagen einzustecken, nein, das ging gar nicht. Was in den nächsten vielleicht 90 Sekunden passierte, glaube ich immer noch vor meinem geistigen Auge sehen zu können.

Der Mann trat zum Elfmeter an. Er schoss und der Ball ging über das Gehäuse. Erleichtert war ich deswegen nicht, denn das Spiel sollte im nächsten Moment vorbei sein, und ob meine Mannschaft 2:3 oder 2:4 verlor, war egal. Der Tormann des Wiener Sportclub bekam den Ball schnell von der Tribüne zugeworfen, ließ ihn auf den Boden rollen, und passte sofort zu einem frei stehenden Spieler. Dieser machte einen Pass auf Alfred Riedl, das weiß ich noch genau. Riedl befand sich in der gegnerischen Hälfte. Laut Anzeigentafel sollte das Spiel schon zu Ende sein, mit dem Schlusspfiff war sehr bald zu rechnen. Riedl täuschte ein, zwei Gegner, befand sich plötzlich in Strafraumnnähe und schoß. Wie im Zeitraffer sah ich, dass der Ball den Weg Richtung Tor fand. Und er fand sogar den Weg hinter die Torlinie! „Tor, Tor, Tor!“ Das konnte nicht wahr sein! Vor wenigen Augenblicken waren die Fans des Wiener Sportclub wie erstarrt gewesen und plötzlich wurde dieses Tor bejubelt, als wäre soeben der Meister-Titel eingefahren worden! Die Spieler umarmten sich, ich weiß nur nicht mehr, ob ich Freudentränen vergossen habe, angesichts meiner Sensibilität ist das nicht auszuschließen.

Dieses 3:3 des Wiener Sportclub gegen Wels ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben. Es hat gezeigt, dass es entscheidend ist, nie den Kopf hängen zu lassen, sondern an seine Chance zu glauben, und wenn die Lage noch so hoffnungslos scheint. Das mag ein Lebensmotto sein, das Mut macht.

Hermann Hesse schrieb einst: „Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.“ Fußball ist auch ein Spiegelbild des Lebens. Es gibt ein Auf und Ab. Entscheidend ist, sich selbst treu zu bleiben, dann ist das Leben spannend wie ein Fußballspiel.

© Jürgen Heimlich