Servas, Oida!

Wenn mich ein Film anspricht, schaue ich mir gerne auch mal eine Premiere an. So im Jahre 2007, als der Film „Free Rainer. Dein Fernseher lügt“ anlässlich der „Viennale“ in Wien seine Uraufführung erlebte. Moritz Bleibtreu verkörperte die Hauptrolle, Gregor Bloéb war auch Teil der Schauspielerriege.

Vor Beginn des Films hielt ich mich im Eingangsbereich des Gartenbau-Kinos auf. Meine Karte hatte ich mir bereits abgeholt. Da standen plötzlich in meiner unmittelbaren Nähe Gregor Bloéb und seine Frau Nina Proll. Und wenige Sekunden später kam dann der Auftritt einer Grande Dame des Films. Monika Bleibtreu ging auf das Ehepaar zu. Und dann geschah etwas, das mir in Erinnerung geblieben ist, als wäre es erst heute passiert. Monika Bleibtreu umarmte Gregor Bloéb und begrüßte ihn mit: „Servas, Oida!“ Eine ungewöhnliche Anrede für einen Mann, der damals Ende 30 und zudem 24 Jahre jünger als Frau Bleibtreu gewesen ist. Aber die Sache lässt sich durchaus erklären: Monika Bleibtreu hatte in „Muttis Liebling“, einem Film, der 2006, also ca. ein Jahr vor „Free Rainer“ entstanden ist, die Mutter von Gregor Bloéb verkörpert. Aus den gemeinsamen Dreharbeiten wird, davon gehe ich aus, eine Freundschaft entstanden sein. Und der „Zufall“ wollte es, dass im neuen Film der Filmsohn von Monika Bleibtreu mit ihrem leiblichen Sohn Moritz Bleibtreu zusammen spielte! Die Begrüßung „Servas, Oida!“ ist nichts desto trotz ungewöhnlich.

Als ich mich schließlich ins Foyer begab, hatte ich Blickkontakt mit Monika Bleibtreu, die mich mit einem leichten Schmunzeln ansah. Möglicherweise wusste sie nur zu gut, dass ich sozusagen Zeuge ihres Auftritts geworden war. Eineinhalb Jahre nach der Premiere des Films verstarb Monika Bleibtreu nach schwerer Krankheit.

Monika Bleibtreu habe ich als Schauspielerin immer sehr geschätzt. 2007 wurde sie als beste Schauspielerin mit dem deutschen Filmpreis für ihre Rolle einer Pianistin und Klavierlehrerin in „4 Minuten“ ausgezeichnet. Sie verkörpert eine Pianistin, die einer Strafgefangenen Klavierunterricht erteilt. Die beiden Lebensgeschichten der Frauen werden offenbar. Ein sehr berührender Film, die Zuerkennung des Preises mehr als verdient.

Wann immer ich mir einen Film ansehe, in dem Monika Bleibtreu mitwirkt (und es gibt viele ausgezeichnete!), dann denke ich an die Szene zurück, die ich im Eingangsbereich des Gartenbau-Kinos stehend miterlebt habe. Dass eine Schauspielerin und Grande Dame aus Hamburg einen jüngeren Schauspieler-Kollegen mit „Servas, Oida!“ begrüßt, kann nur ein Ausdruck höchster Wertschätzung sein. Gregor Bloéb wird diese Episode wohl auch in Erinnerung geblieben sein. Umso bestürzter war ich, als 2009 der Tod von Monika Bleibtreu bekannt wurde. Eine ganz große, stets am Boden gebliebene Schauspielerin hatte die Bühne der Welt für immer verlassen.

© Jürgen Heimlich