Vorlesetag im Gedenken an Viktor Frankl

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Story.one hat dazu aufgerufen, Online-Lesungen zu bestreiten. Angesichts der Corona-Pandemie galt es, den Vorlesetag virtuell zu begehen. Und ich entschied mich dazu, aus „Mein Leben als Atheist – eine abgeschlossene Autobiographie“ vorzulesen.

Die Auswahl dieses Buches fiel aus dem Bauch heraus. Wahrscheinlich, weil ich darin existenzielle Fragen behandle. Es ist mein persönlichstes Werk. Und dann war wieder ein „Zufall“ beteiligt. Am Vortag meiner Lesung überlegte ich, welche Passagen ich auswähle. Ein Kapitel ist Viktor Frankl gewidmet. Ich rücke den Sinn in den Vordergrund, der für Viktor Frankl so entscheidend war. Doch erst am Vorlesetag selbst erhielt ich eine Mail des Frankl-Zentrums und es war davon die Rede, dass Viktor Frankl am 26. März seinen 115. Geburtstag hätte. Ich war hin und weg. Und es stand sofort fest, dass ich meine Lesung im Gedenken an Viktor Frankl halten möchte. Dieser wunderbare Mann begleitet mich schon seit 1996. Ich nahm damals selbst eine Logotherapie in Anspruch und diese wirkt bis heute nach. Wann immer Probleme auftauchen, die nur schwer überwindbar scheinen, denke ich an Viktor Frankl und seine Logotherapie. Gerade jetzt, wo die Pandemie so viele Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt, ihre sozialen Kontakte beschneidet und insbesondere Krankheit und im schlimmsten Fall den Tod bringen kann, gilt es, TROTZDEM JA ZUM LEBEN ZU SAGEN. Frankl bezog sich in seinem wunderbaren Werk auf seine Zeit im Konzentrationslager und wie es ihm gelang, selbst dort die Einzigartigkeit der Existenz zu bejahen. Einer Existenz, die vor die Aufgabe gestellt ist, zu überleben.

In diesen Tagen ist es für viele Menschen nicht leicht oder vielleicht unmöglich, hinter diesem gefährlichen Virus einen Sinn zu erkennen. Ich schreibe bewusst HINTER. Denn der Sinn verbirgt sich hinter dem Offensichtlichen. Er muss entdeckt und vor den Vorhang gebracht werden. Ein Virus und wenn er noch so gefährlich ist, kann nicht das ganze Leben bestimmen. Was hinter dem Virus liegt, ist unser Leben. Unser Leben, das wir Menschen mit Sinn erfüllen können. Wir widmen uns dann Aufgaben, zu denen wir uns berufen fühlen, kümmern uns um andere Menschen, wenn dies möglich ist, und rücken als Paare und Familien näher zusammen. Wenn wir das tun, hat das Virus keine Macht über uns.

Ich freue mich, meine Lesung im Gedenken an Viktor Frankl gehalten zu haben. Ein sinnzentriertes Leben zu führen ist gerade jetzt von immenser Bedeutung. Wer sich dies vor Augen führt, der wird auch an schlechten Tagen, die unvermeidbar sind, nicht verzweifeln. Holen wir den Sinn Tag für Tag vor den Vorhang unseres Lebens.

© Jürgen Heimlich