Wie ich auf Franz Kafka aufmerksam wurde

Seit 1990 ist Franz Kafka mein Lieblingsschriftsteller. Und zwar mein absoluter Lieblingsschriftsteller. In all den Jahren danach ist er mir immer näher gekommen. Ich habe die Romanfragmente, die Erzählungen, die Tagebücher alle gelesen, einiges mehrfach. Und darüber hinaus viel Sekundärliteratur. Es ist auch irgendwie klar, dass eines meiner Theaterstücke und ein Erzählungsband an Kafkas Figuren angelehnt sind.

Wer sich intensiv mit einem Schriftsteller beschäftigt, der geht eine enge Beziehung mit ihm ein. Und dennoch weiß ich nicht, wer Franz Kafka tatsächlich gewesen ist. Dazu hätte ich ihm persönlich begegnen müssen. Aber selbst dann wäre es wohl schwierig gewesen, Kafka einzuschätzen.

2008 und 2018 habe ich das Grab von Franz Kafka und seinen Eltern am neujüdischen Friedhof in Prag besucht. Ich bin auch auf den Spuren von Franz Kafka in der Stadt gewandert. 2008 hat Paul Auster das Selbe getan, der sich damals zum Autorenfestival einige Tage in Prag aufhielt. Es gibt also auch eine Verbindung zwischen Paul Auster und Franz Kafka.

Ab dem Herbst 1989 besuchte ich eine Abendschule in Wien. In meiner Klasse galt ich im Fach „Deutsch“ als besonders gut. Mir selbst war das gar nicht so bewusst. Insbesondere war meine literarische Vorbildung zu diesem Zeitpunkt keineswegs ausgeprägt. Mein damaliger Lieblingsautor war Stephen King, und von einer Beschäftigung mit Schriftstellern, deren Schaffen ganze Epochen geprägt hat, nahm ich Abstand. Doch immerhin übte ich mich ein wenig darin, selbst literarisch zu schreiben, mehr als Selbstbespiegelung und eine Form der Therapie lässt sich daraus rückblickend nicht ableiten.

Eines Abends hörte ich während einer Unterrichtsstunde aus der Bank hinter mir ein Tuscheln. Ich drehte mich um. Eine Klassenkameradin, deren Stimme einen heiseren Unterton hatte, lächelte mich an. Wir waren nicht miteinander befreundet, waren einfach in der gleichen Klasse der Abendschule gelandet. Umso überraschter war ich darüber, dass sie das Wort an mich richtete: „Sag mal, du kennst Franz Kafka sicher. Ich habe 'Das Urteil' gelesen und kann mir keinen Reim darauf machen. Was sagst du dazu?“ Diese Frage musste ich mal verdauen. Nach einigen Sekunden Nachdenken sagte ich ihr: „Das lässt sich nicht erklären. Es ist ein Mysterium.“ Ich habe also so getan, als würde ich Franz Kafka und sein Werk kennen. Davon konnte aber keine Rede sein. Ich hatte nämlich noch keine Zeile von Franz Kafka gelesen. 'Das Urteil' war mir somit auch völlig unbekannt.

Diese Erfahrung gab mir zu denken. Ich fragte mich nicht, warum ich meine Schulkollegin getäuscht, sondern warum ich eigentlich noch nichts von Franz Kafka gelesen habe. In den nächsten Monaten machte ich mich daran, sein Werk kennen zu lernen. Danke, liebe Sabine, dass Du mich damals nach dem 'Urteil' gefragt hast. Wer weiß, ob ich sonst überhaupt Franz Kafka und sein Werk aus eigenem Antrieb entdecken hätte wollen.

© Jürgen Heimlich