Abschied

Er war einen Kater, der nicht mein Kater war.

Gerüchte, er sei bösartig und gefährlich kursierten. Er wurde im Dorf nur Terrorist genannt.

Er war wunderschön, hatte ein getigertes Fell und große Kulleraugen.

Sein Blick war eher misstrauisch als böse! Ich setzte mich mit etwas Abstand neben ihn auf die Treppe und begann mit ihm zu reden. Nach einer Weile stand er auf, drehte sich zwei mal um seine eigene Achse und legte sich so hin, dass sein Rücken meine Seite berührte. Ein Glücksgefühl durchströmte mich, hatte ich doch sein Vertrauen gewonnen. Nach einer Weile stand ich auf und ging nach Hause.

Am Abend stand er auf unserer Terasse und fraß die Näpfe unserer Katzen leer.

Es vergingen einige Jahre, er hatte ein paar harte Kämpfe hinter sich und eine große klaffende Wunde an der Schulter überlebt. Es schien für ihn selbstverständlich, von uns gefüttert und versorgt zu werden, wenn er verletzt auftauchte.

An einem Frühjahrsstag saß er auf der Balkonbrüstung unserer Nachbarn und fing an, ein Liebeslied zu singen. Es Klang herzzerreißend schön. Er hatte sich auf seine alten Tage in die Katze der Nachbarn verliebt. Von da an, saß er jeden Morgen ab 6 Uhr und oft auch viel früher dort und sang sein Liebeslied.

Wenn sein Liebling am Vormittag rausgelassen wurde, umgurrte er sie zärtlich und sie verbrachten die Tage miteinander.

Im Jahr darauf gab es seinen Liebling nicht mehr, aber er saß morgens weiter auf der Balkonbrüstung und sang unbeirrt sein Liebeslied.

Es brauchte den Sommer, bis er begriff, dass er nicht erhört wurde und er verschwand. Erst im Winter tauchte er wieder auf und verbrachte die Nächte wie jeden Winter bei uns im Wohnzimmer neben dem Kaminofen.

Im Frühjahr ging er, ohne das Haus der Nachbarn eines Blickes zu würdigen. In diesem Jahr liess er sich öfter auch im Sommer und im Herbst blicken um ein paar Wunden versorgen zu lassen. Unsere Tierärztin lernte ihn über die Jahre gut kennen und versorgte ihn kostenlos! Er hatte zu allen, die Ihm halfen ein natürliches Vertrauen.

Im Januar, als die Nächte kalt wurden, fühlte ich dass er in der Nähe war. Ich öffnete die Terrassentür und ein Schatten huschte an mir vorbei ins Wohnzimmer.

Nachdem er gefuttert hatte, kam er zu mir auf die Couch damit ich seinen Nacken kraulen konnte. Nach einer Weile biss er zu. Es war ein sehr sanfter Biss und ich merkte, er hatte kaum noch Zähne.

Etwas besorgt beschloss ich, ihn nur noch mit Weichfutter zu versorgen, was ihm sichtlich gefiel. Er blieb diesem Winter bis weit in das Frühjahr hinein.

Erst als die Nächte milder wurden, machte er sich auf den Weg. Besorgt sah ich ihm nach, bis er aus meinem Blickfeld verschwand.

Ich dachte oft an ihn. Dann an einem sonnigen Julimorgen lag er im halbhohen Gras unseres Gartens, bis auf die Knochen abgemagert, die Iris seiner Augen war gelb.

Ich nahm ihn auf den Arm, setzte mich in einen Gartensessel, kuschelte ihn. Er rieb seinen Kopf an meinem Kinn.

Er war gekommen um sich zu verabschieden.

© Juergen Weller