Liebe auf den ersten Blick​

Es war Liebe auf den ersten Blick, als meine Eltern mich das erste mal zu einem Urlaub ans Meer mitnahmen. Seit dem habe ich eine starke Affinität zu felsigen Ozeanküsten entwickelt, die mich jedes Jahr mindestens ein bis zwei mal an einen Ozean zieht.

Alleine auf einem exponierten Felsen zu stehen und die salzige Gischt auf der Haut zu spüren, welche der Wind mir ins Gesicht bläst, ruft Gefühle in mir hervor, die schwer zu beschreiben sind.

Der Wind scheint an meinem tiefsten Inneren zu rütteln als würde er meine Seele loslösen wollen, um mir zu zeigen, wie klein und unbedeutend unser Leben angesichts der Unendlichkeit des Universums ist. Dennoch kann ich fühlen, Teil dieses Universums zu sein, fühle diese Verbundenheit, teil eines Ganzen zu sein.

Wenn ich die Wahl hätte, wüsste ich nicht, wer ich sein wollte. Der Wind, der in seiner grenzenlosen Freiheit weht wohin er will, der Ozean, der niemals zur Ruhe kommt, der mit seiner Dünung unbeirrbar gegen die Felsen rollt, um mit einem tosenden Donnern in Millionen von Tropfen zu zerbrechen, nur um sich wieder zu erneuern, oder vielmehr der Felsen, der sich ungebrochen Ozean und Wind widersetzt.

Obwohl der Ozean schon nach mir gegriffen hat, bleibt meine Liebe ungebrochen, weiss er doch nicht, wie zerbrechlich ein menschliches Leben in den Naturgewalten sein kann. Ich bin nichts anderes als ein Sandkorn am Strand oder ein Stück Plankton an einem Felsen.

Ich bin das Wasser, der Wind und der Felsen. In mir scheint sich alles zu vereinen, mit dem Meer zu rollen, vom Wind mitgerissen zu werden, aber der Felsen will mich nicht gehen lassen, als wollte er mir sagen: „du bist noch nicht bereit.“

Solange bleibe ich der, dessen Geist sich auf dem Felsen frei fühlt und dessen Seele sich an der Schönheit dieses Anblickes nährt.

© Juergen Weller