Das Tor zur Unendlichkeit

Länder zu bereisen bedeutet für uns nicht nur die schönsten Plätze und Aussichtspunkte zu entdecken, spannende Abenteuer zu erleben, sondern das Land in all seinen Facetten wahrzunehmen und kennenzulernen.

Dazu gehören natürlich auch die unterschiedlichen Religionen, Kulturen, Sitten, Gebräuche und Lebensweisen der Menschen.

Bali hat uns besonders beeindruckt, vor allem der ihr hinduistischer Glaube. Uralte Tempel, Götterstatuen, prachtvoll mit Blumenkränzen geschmückt, der Duft nach Räucherstäbchen, Altäre voller Opfergaben, um den Göttern zu danken und um sie zu besänftigen. Ihr Glaube scheint allgegenwärtig und bestimmt ihren gesamten Tagesablauf, er gibt ihnen Halt und Sicherheit. Wir bewunderten all diese Sitten und Bräuche.

Als wir an einem Nachmittag mit dem Roller unterwegs waren, kamen wir durch ein kleines Dorf. Auf einer Wiese neben der Straße kamen Dorfbewohner zusammen. Alle trugen wunderschöne farbenfrohe Kleider. Alle unterhielten sich gut und im Hintergrund wurde traditionelle Musik gespielt.

Unsere Augen wanderten weiter. Plötzlich erblickten wir einen Mann, der mit einem riesigen Ölbrenner einen mit Blech bedeckten Holzstapel in Brand gesetzt hatte.

Erst später erfuhren wir von unserem balinesischen Freund Gede, dass es sich bei diesem Zusammentreffen um eine traditionelle Verbrennungszeremonie gehandelt hatte. Gede versuchte uns den Ablauf näher zu bringen und erzählte uns, dass es sich bei solch einer traditionellen Bestattung um kein trauriges Zusammentreffen handelt, wie wir es in der westlichen Kultur vielleicht kennen. Es ist wohl eher eine fröhliche Feierlichkeit, denn der Körper ist für sie nur eine Hülle für die reine Seele. Durch die Verbrennung wird sie wieder befreit und soll das Leben der Angehörigen und Familienmitgliedern beeinflussen.

Da diese traditionellen Zeremonien für balinesische Verhältnisse jedoch sehr kostspielig sind, wird der Leichnam nicht sofort verbrannt. Erst wenn genügend Geld gespart wurde, findet die feierliche Verabschiedung statt. Häufig werden auch mehrere Leichname verbrannt. Außerdem kann die Verbrennung nicht an jedem Tag stattfinden, sondern richtet sich nach dem Hindu Kalender. Bis der „richtige Tag“ für die Verbrennung gekommen ist, werden die Leichname begraben oder mit Hilfe von Eis oder Chemikalien „haltbar“ gemacht. Nach der Verbrennung werden die übriggebliebenen Knochen zu Asche gemörsert und in einer Kokosnuss ans Meer übergeben.

Dieses prägende Ereignis hat uns bis heute berührt. Wir sind beeindruckt von den Zeremonien, von der ganzen Kultur, von der Art und Weise, wie die Menschen auf Bali mit dem Tod umgehen. Er wird nicht als Verlust angesehen, als etwas Trauriges. Nein, im Gegenteil, der Körper ist für sie nur eine materielle Hülle, in der die Seele für Lebensdauer verweilt und nach dem Tod wieder befreit wird. Alles ist ein Kreislauf und so gehört der Tod für sie zum Leben dazu.

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