Eine "Feentastische" Geschichte

Es war ein herbstlich frischer Abend. Die Sonne versank bereits hinter dem Horizont und ließ den Himmel in den herrlichsten Farben lodern. Der Tag neigte sich dem Ende zu und doch schallten noch immer Hammerschläge übers Feld. Der Stier war am Vortag ausgebrochen und hatte dabei einige Zäune niedergerissen. So stand der Vater, ein stämmiger Mann mit schütterem Haar, nun schon seit Mittag da und schlug Pfosten tief in die Erde. Sein Junge war daran wenig interessiert und jagte freudig lachend den im Wind tanzenden Blättern hinterher. Doch der Wind trug mehr als nur die Blätter, er trug eine Melodie, verzaubernd schön. Der Junge stoppte und lauschte dem Flötenspiel, als ihn sein Vater plötzlich mitriss.

„Vater, was ist los? Ich will noch spielen!“, jammerte der Junge, doch der Vater zog ihn mit eisernem Griff immerfort weiter.

„Hörst du’s denn nicht? Die Feen bereiten ein Fest vor. Wir müssen hier weg, bevor es dunkel wird.“

Der Junge wusste von den „Fairy Fort“ droben auf dem Hügel, sein Großvater hatte es ihm im letzten Frühjahr gezeigt. Ein großer Kreis, wie ein Damm ohne Wasser, eine Burgmauer aus Steinen und Erde. Und darin ein Blumenfeld, prachtvoller als alles was er jemals erblickt hatte. „Niemals“, warnte ihn damals sein Großvater, „niemals darfst du nachts hierherkommen. Schreckliche Dinge geschehen denen, die es wagen.“

Die Sonne versank gänzlich am Horizont und die Nacht zog übers Land herein. Der Junge half fleißig beim Melken und versorgte die Kälber, doch egal was er tat, die Feen gingen ihm nicht aus dem Kopf. Als er mit dem Vater die Kühe zurück aufs Feld trieb, war ihm sogar, als würde er hinter dem Hügel etwas leuchten sehen. Doch er sagte nichts und wartete, bis im Haus alles stumm geworden war.

Dick eingehüllt schlich er hinaus und rannte über die Felder dem Glühen entgegen. Fast spürte er den eisigen Wind gar nicht, so vernarrt war er darauf, diesen Hügel zu erklimmen. Auch die Warnungen seines Großvaters waren vergessen, als die liebliche Melodie ihm die Sinne vernebelte. Schritt für Schritt stapfte er dem Lichterspiel entgegen. Näher, und näher, und…

Ein Schrei riss ihn aus seiner Trance. Wie von der Tarantel gestochen sprang der Junge auf und stolperte den Hügel hinunter, weit weg von jenem magischen Ort. Völlig außer Atem stürzte er ins Haus uns schloss sich in seinem Zimmer ein.

Nie wieder, schwor er sich, würde er versuchen eine Fee zu sehen und seine Geschichte sollte noch viele weitere davon abhalten.

© Julia Lochner