Das Treffen mit einer alten Bekannten

Unlängst habe ich eine alte Bekannte wieder getroffen - wir haben uns seit dem Sommer nicht mehr gesehen.

Ich kenne diese Bekannte jetzt schon sehr lange. Das erste Mal trafen wir uns vor zirka 14 Jahren in einem Wirtshaus in Waldviertel. Oh, wie hatten wir Spaß! Eine Freundin war auch dabei, diese traf auch eine alte Bekannte und zu viert genossen wir den Abend.

Im Laufe der Zeit trafen wir uns immer öfter - wir feierten gemeinsam, wir trauerten gemeinsam und wir schmipfen gemeinsam. Manche sagen ja, dass sie einen schlechten Einfluss auf mich hat, aber ich bin da anderer Meinung - meistens.

Erst vor Kurzem fragte ich mich, wann wir uns wohl wieder treffen würden - und dann sah ich sie in einer Bar letzte Woche in Wien. Ich war sehr froh, als ich bemerkt habe, dass sie auch da ist und wir haben unglaublich viel gelacht und getanzt miteinander. Gemeinsam schwindelten wir ein paar Leute an und besorgten uns so einige Shots. Doch im Laufe der Nacht bekam ich ein ungutes Gefühl. Ich wollte Heim, musste ja am nächsten Tag fit sein, aber sie verstand das absolut nicht. Sie wollte unbedingt bleiben, noch eine lustige Zeit mit mir verbringen, aber ich konnte sie davon überzeugen, dass es besser wäre, wenn wir uns auf den Heimweg machen würden. Und so gingen wir gemeinsam nach Hause, Hand in Hand, Arm in Arm.

Ganz recht war ihr das zwar nicht und sie versuchte immer wieder mich in Versuchung zu bringen unachtsame und unüberlegte Dinge zu tun. So probierte sie mich zum Beispiel davon zu überzeugen, dass ich Leuten schreiben sollte, mit denen ich zurzeit nicht in Kontakt stehe oder peinliche Bilder auf Social Media zu posten. Trotzdem - oder besser Gott sei Dank - siegte die Vernunft.

Nach einem langen Telefonat mit einer Freundin in Not kam ich zu 5 seeligen Stunden Schlaf, aus denen ich am nächsten Morgen mit heftigem Vogelgezwitscher geweckt wurde. Ich schlug die Augen auf und schwante Schreckliches. Langsam setzte ich mich auf, eine Welle von Übelkeit überkam mich prompt. Ich kletterte behutsam aus dem Bett - alles drehte sich, ich fühlte mich schlaff und müde, konnte mich kaum auf den Beinen halten. Ich ging schnurstracks auf die Flasche Wasser zu, die am Boden stand. Mit einem großen Schluck trank ich sie aus, ging in die Küche und kochte Tee. Im Fenster spiegelte sich eine Gestalt wieder - ich erkannte sie nur noch verschwommen - es war meine alte Bekannte - mein betrunkenes Ich.

© Julia Nemetz