In Wien kennt man sich vom Wegschauen

Wenn man das Wort „Wien“ her nimmt, das „W“ durch ein „L“ austauscht und das „n“ durch ein „be“, ergibt das „Liebe“. Aber was macht Wien so liebenswert? Ist Wien überhaupt liebenswert? In wie weit ist liebenswert gleich lebenswert? Und wie gut kann man in Wien überhaupt leben?

Um in Wien glücklich zu (über)leben, sollte man sich an zwei Regeln halten: 1. Man sieht sich immer zweimal im Leben und 2. Glücklich ist nur der, der beschließt glücklich zu sein. Niemand nimmt es einem (ab).

In Wien lebe ich dahin in meiner Zwischenwelt: Zwischen Leben und Tod, zwischen Himmel und Hölle, zwischen Armut und Reichtum, zwischen Kleidergröße 38 und 40 und neuerdings zwischen Floridsdorf und Landstraße. So ganz passe ich nirgends rein (vor allem nicht mehr in 38), picke mir aber überall die Vorzüge heraus und mache das Beste daraus. Die Kombination macht's aus!

Deshalb lebe ich meine innere abgerühte Wiener Grantlerin, die ab und zu gern jemanden eine Watschn runterhauen wollen würde, genauso wie die gut erzogene Lieblingstante eines 2-Jährigen, die sich oft dabei erwischt jemandem ein freundliches Lächeln zu geworfen zu haben, um eines zurück zu bekommen, aus.

Ich schwebe dahin, auf der ewigen Suche nach dem Sinn des Lebens. Klare Ziele waren früher das Schlüsselwort, um über die Runden zu kommen. Doch was, wenn alle Ziele erreicht: die größte Liebe gefunden, Studium absolviert, erfüllenden Freundeskreis aufgebaut. Also muss ein neues Ziel her - Zweites Studium? Neue Freunde? Mehr Urlaub? - alles nett, aber nicht ausreichend, um als Lebensziel herzuhalten. Somit komme ich zu dem Gedanken, dass die Suche nach dem Sinn der eigentliche Sinn des Lebens ist.

Wenn man über das Leben genauer nachdenkt, merkt man, dass das Leben eigentlich nur den Zeitraum von der Geburt bis zum Tod beschreibt. Dann halten dich eventuelle Erinnerungen der anderen für kurze Zeit am Leben, aber irgendwann ist es so, als wärst du nie da gewesen. Das ständige Gefühl nur eine Nummer zu sein (von Matrikelnummer über SV-Nummer bis zur Nummer, die man ziehen muss, um bei der Post dran zu kommen), überall ersetzbar, ist ein weiterer Grund sich über das Leben und das Sein Gedanken zu machen. Aber irgendwann kommt man an den Punkt - entweder Selbstmord oder Genuss des Lebens?

Ich habe mich für den Genuss entschieden. Jeden Tag aufzuwachen und für drei Dinge dankbar zu sein. Jeden Tag eine gute Tat zu begehen - und sei es "nur" Trinkgeld beim Bäcker am Morgen zu geben. Jeden Tag einem Menschen nett zuzulächeln. Offen zu seinen Gefühlen zu stehen - jede Träne, die die Wange hinunterläuft, bewusst zu spüren, jedes Lachen aufzusaugen wie ein Schwamm, zu konservieren und für schwierige Tage aufzubewaren. Jeden Kummer und jeden Schmerz auszuleben, um für die Fröhlichkeit, das Glück und die Schönheit des Lebens Platz zu schaffen & somit dem Sinn des Lebens jeden Tag ein Stückchen näher zu kommen. Und das geht überall - auch in Wien.

© Julia Nemetz