„Ihr kommt dann halt nicht in den Himmel."

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„Ihr kommt dann halt nicht in den Himmel." | story.one

Ein Glaube, zwei Weltbilder. Die Sonne ist hinter den Berggipfeln verschwunden, die Terrasse der Postalm leert sich allmählich. Wir sitzen zu sechst an einem Ecktisch und reden über Gott.

Fünf von uns kommen aus Deutschland oder Österreich. Unsere Familien haben uns christlich erzogen. Unser Umfeld hat uns liberal geprägt. Auf dem Papier sind wir römisch-katholisch, orthodox oder protestantisch, mit der Kirche können wir aber wenig anfangen.

Mir schräg gegenüber sitzt Adnan*. Er stammt aus dem Kongo und ist ebenfalls Christ. Allerdings nimmt er die Bibel genauer als der Rest von uns: Gottes Wort ist sein Gesetz.

Bis der Tod euch scheidet

„Wenn ich heirate, kann mich nur der Tod scheiden“, sagt Adnan. Ein guter Christ liebe seine Frau und behandle sie gut. Beziehungsbruchstellen gehören repariert. Kein Grund, gleich alles hinzuschmeißen.

Das erinnert mich an meine Großeltern: Eine Trennung kam trotz kleineren und größeren Streitereien nie in Frage. Letztes Jahr feierten sie ihre goldene Hochzeit. Aber die Zeiten ändern sich. „In Österreich geht fast jede zweite Ehe in die Brüche“, wirft meine Sitznachbarin ein. Geht die Leidenschaft verloren, verliebt man sich neu.

Generell sind läutende Hochzeitsglocken für die meisten am Tisch kein Muss. Auch wenn Nachwuchs anstehen sollte. Adnan hingegen schläft nur mit einer Frau, wenn er sie auch heiraten möchte. Kinder außerhalb der Ehe? Für ihn Tabu.

Homophobie oder Meinungsfreiheit

Liebt eine Frau eine andere Frau oder ein Mann einen anderen Mann, sei das nicht natürlich, findet Adnan. Mir geht bei solchen Worten ein Schauer über den Rücken. Stigmatisierung von Homosexualität? Für uns fünf ein absolutes No-Go.

Dennoch, Adnan glaubt, dass Gott die gleichgeschlechtliche Liebe nicht anerkennt: „Hätte ich ein homosexuelles Kind, wäre das schlimm für mich. Ich müsste es akzeptieren, aber es würde mich traurig machen, weil es dann nicht in den Himmel kommt“, sagt er.

Ist es Homophobie oder Meinungsfreiheit, wenn man Homosexualität nicht gutheißt, aber toleriert? Sagen wir A, sagt Adnan B. Immerhin einigen wir uns darauf: Jeder soll jeden lieben dürfen, egal ob LGBTQ oder straight, verheiratet oder nicht. „Glaubt, woran ihr wollt. Ihr kommt dann halt nicht in den Himmel“, sagt Adnan und zuckt mit den Schultern.

Fifty Shades of Grey

Für mich stehen Gespräche wie diese symptomatisch für den Spirit von Alpbach: Unterschiedliche Meinungen begegnen sich hier mit Respekt. Auch wenn man nicht jede Ansicht teilt, man hört seinem Gegenüber zumindest zu und versucht zu verstehen. Die Welt ist eben nicht schwarz oder weiß, sondern eher Fifty Shades of Grey.

*Name geändert

© Julia Pabst