Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding

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Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding | story.one

Wenn ich nachts im dunklen Zimmer liege stell ich mir vor, wie jemand über meine Lippen streichelt und flüstert. Seine Stimme streichelt mein Ohr, der Atem so nah, dass man ihn spürt. Er flüstert ganz behutsam, grade so, dass man ihn versteht: „hallo…“ Dunkel, sanft, kräftig, behutsam, intensiv…

Der Mann von Edvard Munchs „Schrei“ steht an einer Reling, darunter ein Fluss oder ein Abhang, jedenfalls das Leben – es fließt an ihm vorbei, durch ihn hindurch, er ist Teil davon, doch er fühlt nichts. Er presst seine hageren Handflächen gegen seine Wangen und schreit – laut, bis die ganze Luft aus seinen Lungen heraußen ist, bis er nicht mehr kann.

Die Sonne geht unter, das malt Schiele ganz phantastisch respektive „expressionistisch“. Die Wärme verschwindet, sie ist ganz blass am Horizont zu sehen, umrandet von verschwommenen Blau- & Grautönen. Aber der Moment ist gefangen im Bild – die Sonne wird nie ganz untergehen, sie wird immer da sein, immer sichtbar, immer zu spüren, so wie früher, als sie auf der Haut brannte. Die Seele brennt.

„Ich kann nicht mehr“, habe ich oft gesagt, als ich noch klein war, am Berg beim Wandern, zum Beispiel. Dann hat meine Mutter gesagt, dass man nach dem ersten Aufgeben erst ein Drittel seiner Kraft verbraucht hat. Unmöglich: Das Leben schlägt Dir ins Gesicht, zwingt Dich zu Boden, will, dass Du aufgibst. Du gibst auf – zum ersten Mal…

Zum dritten Mal wach, zum dritten Mal Bettzeug gewechselt, schweißgebadet – Schmerz.

Hoffnung: Als ich vor mehr als zwei Jahrzehnten am 14. Jänner das elektrische Licht dieser Welt erblickte, hätte ich aus heutiger Sich lieber umgedreht: warm, dunkel, geborgen, unkompliziert. Haha, es ist echt nur mehr zum Lachen…

Schlaf.

Der Café schmeckt, aber ich hab Angst - ich weine, ich weine. Klar war da früher viel Schönes, auch ganz früher, als ich mit fünf Jahren im Hof gespielt hab, aber die Angst, sie ist so groß, in jeder Richtung ist sie da und aus jeder Richtung kommt sie.

Die Angst und der Schmerz. F*ck.

Ich will nach Hause.

Alle Küsse dieser Welt

„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding“ – Hugo von Hofmannsthal

© Julian Bräuer 26.02.2020