Der Karneval

Saudade. Die wohl schwerstmöglich zu fassende Idee der portugiesischen Sprachlandschaft. Ein Gefühl, das sich zwischen Fern- und Heimweh verirrt hat, ein Gefühl melancholischer Sehnsucht. Zu guter Letzt: ein Gefühl, das mir nur allzu vertraut ist.

Das Erklimmen meiner Bedürfnispyramide führte mich vor nunmehr drei Jahren im Rahmen eines Austauschprogramms einjährig ins portugiesische Aveiro. Nicht nur lernte ich mich als sechzehn Jahre junger Austauschschüler in einer zweiten Kultur zurecht-, sondern auch mich mit meinem Selbst abzufinden.

Die Zeit, die in diesem Rahmen verfloss, tat so in der Gießform eines ganz eigenen Mikrokosmoses. So klischeeverdammt diese Aussage sein mag, so wahr ist es, dass ein Austausch vielweniger ein Jahr in einem Leben als ein Leben in einem Jahr ist. Der Gedanke, nur ein Jahr zur Verfügung stehen zu haben, um den Berg, den ein Schüleraustausch verkörpert, zu erklimmen, ist ein wahrlich sonderbarer. Im entferntesten Sinne beherbergt er gar die Konnotation des „memento mori“ – das Wissen um die Vergänglichkeit. Von der Integration in eine wildfremde Familie bis hin zum Schließen grenzenloser Freundschaften – eine reichhaltige Vergänglichkeit, ja, ein Leben.

Portugal hielt eine Vielzahl an Abenteuern für mich bereit, die in Retrospektive alle Schnitzarbeit an meiner Persönlichkeit waren. Da war zum Beispiel das Konzert von Salvador Sobral, eines Songcontestgewinners der jüngeren Geschichte, zu welchem ich Karten Monate im Voraus ergattert hatte, doch bis eine halbe Stunde vor Beginn noch begleitungslos dastand. Ein anderes Sinnpuzzlestück fand sich in Santa Maria da Feira, wo auf einem Reflektionscamp meiner Austauschorganisation etwa dreizehn Nationalitäten nach multiplen Mitternachtsgeschichten der Schlaf im selben kissenerweiterten Doppelbett übermahnte. Aber auch die Woche, die ich zusammen mit jenen Mitaustauschschülern aus Europa und der restlichen Welt in der Universitätsstadt Coimbra verbringen durfte, wo ich im Hause einer Übersetzerin residierte, die schon für Fidel Castro gearbeitet hatte, hat Anker in meinem Oberstübchen geworfen. Eventuell manifestierten sich all jene oftmals herausfordernden interkulturellen Lernerfahrungen als Leuchtturm in meinem jetzigen Leben.

Heurig fühlt sich mein Austauschschülerleben an wie süßer Traumrauch. So empfindet es auch der Norweger, der im folgenden Jahr zu Gast in meiner Familie war. „Der Karneval“, so liebte er es, unser Dasein in Worte zu quetschen.

© Julian Seidenbusch