Ein Zweig nicht weit vom Stamme fällt

Flüchtiger der eigenen Gedankenwelt, der eigenen Sprachlandschaft. Vergrault, verscheucht, verbrannt. Ein Zweig hatte es nicht leicht im deutschsprachigen Raum vor noch achtzig Jahren. So kam es dazu, dass er über das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten in das tropische Brasilien gelangte. Und so kam es auch dazu, dass ich im endenden Sommer Zweitausendneunzehn flugtrunken und zutiefst kulturgeschockt in den ehemalig seinigen Zimmern stand.

Die Reise begann vor knapp eineinhalb Jahren, als mich ein damaliger Zivildiener auf die Möglichkeit eines Gedenkdienstes im Ausland aufmerksam machte. Just inspizierte ich die Seite des „Österreichischen Auslandsdienstes” und fand mein Aug an einer Dienststelle namens „Casa Stefan Zweig” gehaftet. Ein Jahr im Dschungel, nebst Affen, Armut und Armeen. Mein Kopf zeichnete schon die schönsten Bilder meiner Wenigkeit im Walde und Meere. Und so, kurzerhand, trug es sich zu, dass ich noch am selben Abend mich im Telefonat mit einem Auslandsdienstmenschen fand. Jene Auslandsdienstmenschen, wie ich sie liebäugelnd zu nennen pflege, entwickelten sich dann über die nächsten Monate auch zu einer steten Quelle von inspirierenden Individuen. In der Lust nach dem Fernen fanden sich so manch erstaunliche Geister, die ich zu heutigem Tage nicht missen mag.

Dreht man nun die Uhr vorwärts, so sitze ich beim Verfassen dieser Zeilen auf der Veranda, auf der auch Zweig die Schachnovelle schrieb. Die ersten Arbeitstage sind ins Land gezogen und ich befinde mich in einem süßen Chaos verschiedenster Sprachen. Führungen in Portugiesisch, Englisch, Deutsch und Spanisch stehen an der Tagesordnung. Die Casa Stefan Zweig ist vielmehr Ort des Gesprächs über den namensgebenden Autor als Ort des blossen Durchflanierens - doch trotz dies Fakt nicht minder Ort des Staunens. Staunen über Zweigs weitreichende Freundschaften von Freud bis Herzl, Staunen über dessen gewaltsam abgetrennte Lebensepochen, Staunen über den theatralischen Suizid des Poeten. Die Gemäuer, in denen ich meinen Zivildienst verbringe inspirieren und provozieren, zum Schreiben und zum Denken. Nicht hätte ich mir einen passenderen Platz für diesen, meinen eigenen, Lebensabschnitt wünschen können. Denn auch ich sehe mich als Flüchtigen und wenn doch nicht vor dem Kriege, dann vor der Gemütlichkeit des Alltags, die mich post Abschluss der Schulkarriere in eine warme Umarmung zu locken versuchte. Nun blicke ich jedoch auf die nächsten Monate und weiß nicht mir ihren Gang auszumalen. Ein Blick mit glühendem Herzen.

© Julian Seidenbusch