Liebste Europa,

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Liebste Europa, | story.one

welch Sehnsucht ich nach dir verspüre! Erst fernab von dir, deiner Umarmung und deren Sicherheit war es mir gebahrt, deine Werte klar zu erkennen und deine Idee in die ihr gebürtige Würde zu heben. So schreibe ich dir heute davon, wie das Dasein außerhalb deiner Grenzen, der Blick über den Tellerrand, mich in der Essenz vom Auslandsösterreicher zum Auslandseuropäer wandelte und mein Heimats- und Zugehörigkeitsgefühl mit neuer Tinte schrieb.

Der Zwist deiner Länder ist freundschaftlich, die Demokratien derer funktionieren unterm Strich und die Rede in diesen ist meist frei. Ob ich nun in Österreich oder in Portugal lebte, dein Geist war mir, ohne Kenntnis, immer nahe und deine Werte immer Stützen. Was wir in deiner Umarmung für gegeben halten, ist an vielen Ecken und Rundungen der Erde fernab davon Einzug in die Realität zu finden - das lehrte mir das Leben auf dem südamerikanischen Kontinent, das lehrte mir das Entfliehen aus deiner Umarmung, das Aufwachen vom süßen Traum des Friedens und der Gerechtigkeit. So möchte ich dir für all jenes obig genannte tiefste Anerkennung zollen und dich bitten, dein Möglichstes zu tun als Leuchtturm zu fungieren. Deine Silhouette, die Essenz der deinigen Idee, ist es wert dem Globus als Ganzes übergestülpt zu werden. Wohlgemerkt erwarte ich in dieser Art und Weise keine kulturell oder politisch militante Vorgangsweise von dir, noch will ich sie! Vielmehr hoffe ich auf deine ausgestreckte Hand, deinen ausgestreckten Finger, der auf den Weg zeigt, den wir gemeinsam, global, gehen können.

Oh, Europa, wie schön du bist und wie viel Blut vergossen werden musste um dich zu gebären! Oh, wie kann man nur dein Antlitz missachten, dem Frieden in so vielen Sprachen auf die Stirn gebrannt ist? Oh, wie können nur so viele dich missachten und so wenige dich schätzen wenn sogar Zeus dir nicht widerstehen konnte? Dein Leiden ist mein Leiden, ist unser aller Leiden.

Wie Stefan Zweig es schon vor nunmehr achtzig Jahren innerhalb einer Rede in Rio de Janeiro artikulierte, können kalte Maschinen nur die physische Distanz überbrücken, doch ist der psychische Brückenbau allein uns warmen Menschen vorbehalten. Ein Brückenbau bei welchem das Versagen unserer Vorfahren ihm das Leben nahm und dir im weitesten Sinne gab. So soll uns deine Historie nun nicht deprimieren, sondern lehren und bekräftigen im Wissen über die Wichtigkeit des Friedens. Schreiten wir heiter weiter!

© Julian Seidenbusch 13.12.2019