Zugzauber

Die Maturareise. Was für ein Konzept. Der krönende Abschluss einer Lebensphase fernab jedweder Dankbarkeitsfähigkeit. Nun, wie es denn die Schicksalsweberinnen in ihren Nadeln hatten, so gelang es mir den klassengemeinschaftlich-kollektivistischen Zweck zu ignorieren und kurzerhand diesem Lebensphasenwandel meine eigenen Reiseambitionen überzustülpen. Nachdem zwei meiner neuerdings Ex-Klassenkameraden für meine Waghalsigkeit gewonnen waren, begann unser Sommerabenteuer zwischen den Schienen.

Mitte Juni war es, als wir nachtzugs nach Milano aufbrachen. Eine im besten Falle fragwürdige Reiseplanung sollte uns als Fackel durch Europa geleiten: „14 Tage, 14 Städte. Flaircatching statt Sightseeing.“ – so sprach sich unser Motto. Als Verbund dreier Individuen mit hohem Maß an Eigenheit und hoher Anzahl an Hirngespinsten sollten diese 14 Kultureindrücke alle neben ihrer vergänglichkeitsinduzierten Schönheit somit auch durch unnatürlichen Energieraub geprägt werden…

Wie es hinweg über Tage Tradition werden sollte, ging es zuerst unter Leitung digitaler Kartographie zum Dom – nachdem europäische Städte ja bekanntlich durch sakrale Zentralpunkte charakterisiert werden. Auf Milanos forcierten Augenschein folgte dann ein charmanter Flirt zwischen Funktion und Kunst in Firenze. Viersprachige Zugansagen ebneten unseren weiteren Weg in den alpinen Geldbunker Europas, wo Zürich und Bern sich als kulturelle Labyrinthe entpuppten. Und atemberaubend war, wie für schon so viele vor uns, auch der Anblick des Eiffelturms; doch vielmehr verzauberte und faszinierte Frankreichs Farbenfröhlichkeit. Londons Osten ummantelte uns mit seinem Hang zum Alternativen. Bruxelles ließ uns im kulturellen Schmelztiegel in Flammen aufgehen. In den niederen Landen, Den Haag und Amsterdam, behandelten die Menschen das Menschliche erstaunlich offen, bewiesen seltsame Triebduld. Københavns Hafen erwies sich sowohl als meerjungfrau- als auch als pinselwürdig. Malmö porträtierte sich uns als der kleine Überseebruder und Hamburg schlug die firme Brücke in eine der heimischen ähnlichere Kultur. Berlin empfing uns mit seiner berühmt berüchtigten Demonstrationskultur, Praha uns mit lebendigem Backpackerflair und breitem Kulturreichtum. Dort, im „One Love Tattoo Parlour“, manifestierte sich die Voyage schlussendlich spontan in Tinte. Der Name des Studios war über unsere Reise hinweg Programm – liberté, égalité und fraternité schwappten im Rahmen der Europäischen Union wohl weit über die Grenzen Frankreichs hinaus, ließen jene als nicht mehr als verwischte Pinselstriche zurück.

© Julian Seidenbusch