Die Mafia in meinem Kopf

  • 545
Die Mafia in meinem Kopf | story.one

Ich schlief zusammengerollt auf der Rückbank eines blauen Volkswagens als das zweite fremde Auto eintraf. Unsere Fensterscheiben waren vom Atem beschlagen. Es war Sommer, doch in der Nacht wurde es in Spanien ganz schön kalt in den Bergen. Sie würden bemerken, dass hier jemand im Auto schlief. Ich rüttelte meine Reisefreundin in ihrem Schlafsack wach und lugte vorsichtig über den Rand der hinteren Seitenscheibe. Es war genau eine Stunde vergangen, nachdem das erste Auto neben uns eingetroffen war, als das zweite sich direkt daneben parkte. Gruselige Pünktlichkeit. Ein Kirchenparkplatz im Nirgendwo umringt von Bäumen irgendwo in den Hügeln kurz vor Barcelona. Wir dachten wohl wirklich, hier wären wir die Einzigen.

Nichts bewegte sich. Minutenlange Stille. Dann stieg er endlich aus und schlug die Autotür zu. Austausch von Plastiksäcken. Bisher hatten sie uns nicht bemerkt. Meine Freundin schien von der europäischen Mafia in meinem Kopf unbeeindruckt und schlief quer über den Steuerknüppel liegend sofort wieder ein. Mein Puls raste. Der Typ schlug den Kofferraumdeckel wieder zu und stieg ins Auto. Finsternis. Wieder einige Minuten Stille. Eines der Autos fuhr los. Niemand hatte bisher entdeckt, dass hier zwei österreichische Studentinnen in einer mit Atem beschlagenen Karre vor dieser kleinen Kirche schliefen. Wieder Stille. Dann fuhr endlich auch das zweite Auto los. Ob der Ereignisse konnte ich kein Auge mehr zu tun. Die Mafia in meinem Kopf war wild geworden.

Als es endlich hell wurde, standen meine Freundin und ich mit Zahnbürste bewaffnet im Gebüsch und erfreuten uns an der herrlichen Aussicht. Man konnte durch das dichte Grün direkt das Meer sehen. So hatten wir uns unsere Europatour vorgestellt: Freiheit, Unabhängigkeit, den Wind in den Haaren spüren. Zelten, im Auto schlafen, sich von Baguette und Camembert ernähren um sich dann einen teuren Kaffee an der Promenade von Cannes zu leisten und die edlen Damen in ihren Kostümchen und Hüten zu beobachten. Zu meinem Geburtstag wollten wir dann unbedingt schon in Spanien sein. Schließlich gab es nirgends Fiestas wie hier!

Nach kurzer Morgentoilette in den Büschen vor der Kirche und dem üppigen Frühstück eines trockenen Keks, landeten wir an einem menschenleeren Strand bei Arenys de Mar. Es war immer noch kühl und viel zu früh um in Spanien wach zu sein, also ließen wir uns einfach in den Sand plumpsen, kuschelten uns in unsere Handtücher und schliefen unter freiem Himmel weiter. Die Mafia in meinem Kopf war verstummt.

Als ich zwei Stunden später die Augen aufblinzelte, sah ich nichts außer nackter Haut. Erst jetzt bemerkten wir das einheimische Stimmengemurmel aus Katalanisch und Spanisch, das uns aus komplett umringender Nacktheit entgegen tönte. Da deutete meine Freundin plötzlich auf ein Schild, das etwas verrostet ins Meer baumelte: ‚Zona nudista‘ – endlich schien die Reise mal spannend zu werden…

Vor einer Kirche parkten wir trotzdem nie wieder.

© juliasheart 30.04.2019