Zu Flausch sagt man nicht Nein

Wenn das Schicksal dir ein verletztes oder verwaistes Tier vor die Haustür legt, dann gibt es kein Nein. Dieser Grundsatz zieht sich durch mein gesamtes Leben. Und deswegen war es für mich auch keine Frage, mich um ein Feldhasenbaby zu kümmern, das durch die Verkettung unglücklicher Zufälle zu mir kam.

Als mein Freund mit dem kleinen Flauschbündel vor der Tür stand, wusste ich im ersten Moment nicht so ganz was ich jetzt tun soll. Ich hatte schon die eine oder andere Ente gesund gepflegt. Ein Hasenbaby von der Größe meiner Handfläche zu versorgen war aber ein ganz anderes Kaliber. Zum Glück war ich damals noch Studentin, sonst wäre es schwer geworden mich für die nächsten drei Monate 24/7 um den kleinen Marvin zu kümmern.

Nach einiger Recherche fuhren wir also zum Zooladen, um Katzenaufzuchtsmilch zu kaufen. Die ersten Versuche den Kleinen damit zu füttern waren anstrengend, langwierig und vor allem landete circa die Hälfte davon irgendwo auf mir. War ja klar, der Hase war total verängstigt. Aber mit jedem Mal wurde es besser und nach ein paar Tagen schleckte er schon gierig nach der Milch, die ich ihm in kleinen Tröpfchen zu fressen gab.

Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ein Feldhase bei Handaufzucht das Erwachsenenalter erreicht. Das war mir bewusst, aber trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass Marvin mir immer mehr ans Herz wuchs. Immerhin waren wir wochenlang fast rund um die Uhr zusammen. Er hielt mich für seine Mama und wollte mir keinen Zentimeter mehr von der Seite weichen. Wenn ich beispielsweise auf die Toilette gehen musste, dann wartete er immer mit gespitzten Ohren am Rand der Couch auf mich bis ich wieder ins Zimmer kam, um dann sofort auf mich zu hüpfen.

Umso schlimmer war der Morgen Anfang Oktober für mich, als mein Freund mich panisch aufweckte, weil Marvin bewegungslos in seinem provisorischen Stall im Wohnzimmer lag. Mein Herz fing an wie wild zu schlagen als ich zu dem Fellknäuel raste. Ich werde wohl nie den Anblick des kleinen Hasen vergessen, der mich mit weit geöffneten Äuglein anstarrte. Als ich ihn aus seinem Stall nahm schlug sein Herz noch schwach. Mein Freund rannte aufgeregt durch die Gegend, aber ich wusste, dass wir nichts mehr tun konnten. Also hielt ich ihn einfach nur in meinen Armen bis es vorbei war. Mein Herz war gebrochen.

Heute bin ich merkwürdig erleichtert darüber, dass Marvin ein friedliches Ende gefunden hat. Eine Auswilderung hätte, rational gesehen, vermutlich nicht geklappt und ihn in einem eingezäunten Gehege für den Rest seines Lebens zu halten wäre auch falsch gewesen. Es ist schön zu wissen, dass ich für ihn da sein konnte als er mich gebraucht hat. Und das ist doch das Wichtigste, oder?

© Juliette