Die Hände in der gleichen Schüssel 2/2

“Ihr wisst noch nicht einmal ob das essbar ist, was ihr da fabriziert! Und da wollt ihr den Dorfchef, den wichtigsten Mann im Dorf dazu einladen!?” Schließlich ließ er sich dazu überreden und überbrachte dem Dorfchef die Einladung.

Dieser nahm die Einladung an. Und so saßen wir dann bald darauf im Kreis vor zwei Schüsseln, wie es in der Zentralafrikanischen Republik üblich ist. In einer Schüssel war der “Boule” das Riesenknödel aus Maniokmehl. In der anderen Schüssel war die Mbunzu Soße aus Dosenlinsen, etwas was in Zentralafrika nicht angebaut wird und daher unbekannt ist. Nach dem Waschen der Hände und einem Dankgebet langten wir alle zu - mit den Händen! Genau genommen mit der rechten Hand. Die linke Hand ist die unsaubere Hand, die für andere “Geschäfte” verwendet wird. Jeder nimmt einen kleinen Teil des großen Knödels, formt ihn in der Hand und tunkt ihn in die Soße. Die Kunst ist mit Hilfe des Brockens genug Soße zum Mund zu führen. Und sich trotzdem nicht zu bekleckern. Die Soße sollte auch nicht mehr als die Handfläche berühren oder gar über den Arm hinunter rinnen. Uns drei Mbunzus gelang das nur teilweise, aber das wurde großzügig übersehen. Denn schließlich waren wir noch nicht initiiert.

Ob dem Dorfchef die Soße seltsam vorkam oder vielleicht nicht schmeckte? Er hat es sich jedenfalls nicht anmerken lassen. Wie viel ihm dieses gemeinsame Essen bedeutet, erfuhren wir erst am nächsten Tag.

Am nächsten Morgen waren wir endlich soweit, dass wir unsere eigentlich Arbeit beginnen konnten. Wir waren ja gekommen um Interviews über die Sprachsituation zu halten. Die Männer waren inzwischen wieder im Dorf und wie es scheint einigermaßen nüchtern. Also konnten wir unser Gruppeninterview mit einem Großteil des Dorfes machen. Dazu saßen wir alle in einem großen Kreis am Dorfplatz. Und dann kam die Überraschung. Der Dorfchef hielt eine kleine Willkommenrede, die uns zutiefst berührte. “Früher kamen weiße Menschen zu uns, die uns wie Affen behandelten. Jetzt sind weiße Menschen zu uns gekommen, mit denen wir die Hand in die gleiche Schüssel stecken.” Die Hand in die gleiche Schüssel zu stecken ist ein Synonym für Tischgemeinschaft und hat in vielen afrikanischen Kulturen einen sehr hohen Wert.

Mit unserer verrückten Aktion vom Vortag haben wir den Boden bereitet für eines der besten Gruppeninterviews die wir jemals hatten und eine tiefe menschliche Verbundenheit über die Grenze von Rasse und Volkszugehörigkeit.

Dieses Erlebnis liegt mehr als 20 Jahre zurück, aber es erwärmt noch immer meine Herz und zeigt warum ich all die Strapazen der Reisen und des Lebens unter einfachen Bedingungen auf mich genommen habe, obwohl ich eine Anti-Nomadin bin.

© Jutta Blühberger