Barbaratag

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Barbaratag | story.one

Wie jedes Jahr am Barbaratag stapfte ich neben meiner Mutter durch die Altstadt Richtung Judengasse. Der Matsch spritzte an meinen roten Winterstiefeln hoch und meine Hände waren kalt.

Wir waren auf dem Weg zu meiner Großtante Betty. Eigentlich hieß Sie Barbara und hatte am 4. Dezember Namenstag. Jetzt war es aber so, dass sie auch noch am selben Tag Geburtstag hatte also feierte Sie sozusagen ihr „Geburtsnamenstagsfest“.

Meine Tante Betty wohnte im zweiten Stock eines alten Bürgerhauses am Ende der Judengasse. Man betrat das Haus durch eine schwere, alte Holztüre, dann führten die Treppen hinauf in den zweiten Stock, an der Bassena vorbei, die Toilette befand sich gleich daneben am Gang. Den Wohnungseingang fand ich besonders spannend, denn meine Tante hatte zwei Türen: die äußere war weiß gepolstert und in der Mitte befand sich eine goldene Drehklingel. Ich liebte es die Klingel zu betätigen und habe heute noch das vertraute „drin drin drin“ in meinen Ohren, wenn ich daran denke.

„Wer ist denn da so ungestüm? Das ist aber eine nette Überraschung!“ Damals konnte ich nicht verstehen warum meine Tante immer so überrascht war, obwohl wir doch jedes Jahr pünktlich zum Nachmittagskaffee an ihrem Geburtstag erschienen.

Was nun folgte war eine lange und für mich langweilige Unterhaltung zwischen meiner Mutter und meiner Großtante. Ich interessierte mich mehr für den großen Keksteller, den Tante Betty von der Mitte des Tisches augenzwinkernd in meine Richtung geschoben hatte. Ich nahm mir ein Vanillekipferl, da spürte ich auch schon eine feuchte und fordernde Dackelschnauze an meinem Bein. Ich sah nach unten und musste feststellen, dass Waldi seit unserem letzten Besuch vor einem Jahr noch dicker geworden war.

Ich blickte im Zimmer herum: an der Wand, neben dem Fenster befand sich eine kleine Galerie mit ausgestopften Kanarienvögeln. Ich kannte alle mit Namen, aber es gruselte mich immer bei der Vorstellung, dass es sich eigentlich um tote Tiere handelte und ich war insgeheim froh, dass meine Tante ihre Dackel nicht auch hatte ausstopfen lassen.

Das Ritual des Kaffeetrinkens wurde wie jedes Jahr mit einem kleinen Gläschen Kirschlikör abgerundet und dann verabschiedeten sich meine Mutter und ich von Tante Betty.

Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Es roch nach Schnee und heißen Maroni. Wir kamen auf den Waagplatz und da stand er wieder, wie auch die Jahre zuvor: der Nikolaus höchstpersönlich! Er lächelte mir zu: „warst du denn auch schön artig?“ Ich nickte und spürte wie sich meine Wangen röteten. Still hoffend, dass der Nikolaus nichts von meinen kleinen Sünden wusste, nahm ich den Lebkuchen, den er mir entgegenhielt und bedankte mich.

Meine Mutter zwinkerte mir zu: „ich denke, du hast dir auch ein Stück türkischen Honig verdient“ und schob mich in Richtung der glitzernden Lichter des Christkindlmarktes.

Für viele Jahre begann für mich am Barbaratag der ganz besondere Zauber der Weihnachtszeit.

© Jutta Pelka 01.12.2019