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Abschied nehmen

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Abschied nehmen | story.one

Dies ist ein Brief, den ich dir nicht schicken werde. Es ist vielleicht der Letzte, der dich erreichen würde und das Risiko kann ich nicht eingehen. Ich zögere den Letzten lieber noch hinaus, am besten noch Jahre.

Zumindest noch eineinhalb Jahre, dann hab ich wenn alles gut geht schon ein Kind, das du in den Armen halten kannst und ich würd dann ein Foto machen. Wie das von mir, als der Opa mich im Arm hielt, auf der Terasse und mit blauem Himmel im Hintergrund, der jedoch gelblich also vergilbt aussieht.

Gleichzeitig wünsch ich dir das eigentlich gar nicht - ich wünsch dir nicht auf die Pflegestation zu kommen, dass du dir unsere Namen nicht mehr merken kannst, und das Klo in der Küche suchst. Ich verstehe, dass du das nicht willst, ich würde es auch nicht wollen. Aber ich kann dich auch noch nicht hergeben. Als ob das meine Entscheidung wäre.

Ich spür den Anruf kommen, seh mich ein Flugticket buchen, um nach Hause zu kommen, mich zu verabschieden und meine Schwestern zu trösten. In Wirklichkeit hab ich mich schon viele Male verabschiedet, jedes Mal wenn ich wieder ins Flugzeug gestiegen bin. Aus irgendeinem Grund fühlt es sich dennoch diesmal anders an.

Wenn du kannst, dann warte bitte bis ich mein Foto machen kann. Wenn du nicht warten kannst, verstehe ich das. In diesem Fall hoff ich, dass du weißt, unsere gemeinsamen Erinnerungen werden weiterleben. Und irgendwann spiel ich dann mit meinen Enkeln Bauernroulette. Mille bisous.

© Juudit 15.04.2020

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