Nicht mehr weinend zurück ...

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Nicht mehr weinend zurück ... | story.one

Und wieder bleibe ich weinend zurück. Fest hatte ich mir vorgenommen, nicht zu weinen, groß und stark zu sein. Als ob es mich nicht mehr berührte, dass wir mit unserer Liebe gescheitert sind. Dass eine andere die Früchte unserer gemeinsamen Arbeit als Morgengabe genießt. Im Lieben bin ich zäh. Wie weggewischt waren die zweieinhalb Jahre, die wir einander nicht gesehen hatten, als du aus dem Auto stiegst. Wie ein Faustschlag in die Magengrube hat mich die Mitteilung getroffen, dass du sie heiraten wirst im Oktober. Die Wehmut ist mir aus den Augen gequollen. Ein Teil von mir kann es einfach nicht fassen, und ich bleibe fassungslos zurück. Und soviel Liebe, die noch da ist, wie du sagst auch bei dir. Dennoch nicht mehr konkret lebbar. Irgendwie tot und doch unsterblich.

Es war ja ich, die erst fremd- und dann ganz gegangen ist. Die gemeinsame Arbeit hatte wie eine Qualle unser gesamtes gemeinsames Leben vereinnahmt. Ich habe geweint, geschrien, gefordert, gedroht. Du konntest mich nicht hören, die Karriereleiter hatte Schalldämpfer. Und dann habe ich die Drohung wahrgemacht und mir einen Liebhaber gewünscht und bekommen. Eine mit diesem ausgemachte Affäre mit schönen Wochenenden in schönen Hotels. Es war meine letzte große Hitze gegen Ende der Wechseljahre. Deine Antwort hat im Ehebett stattgefunden und Beziehung geheißen. Beides hatte keinen Bestand, aber das Vertrauen war unwiderruflich zerstört. Beidseits wohl, du hast es nie so genannt.

Als wir jung waren wolltest du mit mir alt werden. Als ich alt war und dann auch noch krank, wolltest du von diesem deinen Spruch nichts mehr hören. Und wieder eine Beziehung.

Sie hat sich in mein Nest gesetzt, meine ich. Ich bin aus dem Nest geflüchtet, meinst du. Beides ist wohl wahr und zu unserem Besten. Ich bin wieder gesund, habe unseren Krebs vielleicht verstanden, Dankbarkeit greift Platz. Heute gebe ich dir meinen Segen. Ich bleibe nicht mehr weinend zurück.

© Karadeva 24.08.2019