Auf den Spuren Gaudí’s

„Ich muss hier raus ...“, dachte ich, nachdem ich im Alltag langsam zu ertrinken drohte. Ich brauchte dringend Abstand, Sonne im Herzen und neue Impulse für mich. Laptop aufgeklappt und binnen kurzer Zeit manifestierte sich mein Reiseziel: Barcelona. Zentrum von Katalonien im Nordosten Spaniens, bekannt für seine Unabhängigkeitsbestrebungen und für das Wirken bedeutender Künstler wie Antoni Gaudí. Ideal für einen kreativen Freigeist wie mich. Flüge – check. Hotel – check. Schon lange war ich nicht mehr so aufgeregt gewesen. Ein letzter Blick, ein kurzer Klick. Jetzt war es also fix. In Kürze ging’s los ...

Sonnenstrahlen weckten mich. Was für ein perfekter erster Morgen in dieser tollen Stadt. Zu Fuß machte ich mich auf, Barcelona zu erkunden und alles in mich aufzusaugen. So viel grün, so viel zu sehen, so viele Möglichkeiten. Sofort fiel mir auf, dass diese Stadt wunderbar angelegt war. Eine Stadt mit Zugang zum Mittelmeer, umgeben von Hügeln, ein historischer Stadtkern, künstlerische Gebäude und Fassaden, Parks, Platanenalleen in den Straßenzügen und abgeschrägte Häuserkanten, die übersichtliche Kreuzungsbereiche ermöglichen und mit Cafés, Bars und Shops zum Verweilen einladen. Kaffeetrinkend saß ich an so einer Straßenecke, blickte auf die Türme der Sagrada Família und beobachtete die vielen Menschen aus aller Welt. Wir hatten alle ein gemeinsames Ziel. Dieses bedeutsame Werk von Gaudí zu erleben.

Unsere bunt zusammengewürfelte Gruppe lauschte den Ausführungen der Reiseleiterin. Ich hatte schon viele kunstvolle Kirchen und Bauten gesehen, aber noch nie ein so großartiges Werk. Ein Gebäude für alle Menschen der Welt, unabhängig von ihrer Religion oder Herkunft. Ganzheitlich gedacht. Alle Kontinente abgebildet. Gegensätze als Einheit dargestellt. Männlich und weiblich gleichwertig. Wanderndes Sonnenlicht berücksichtigt. Materialien aufeinander abgestimmt. Welch visionäre Kraft musste Gaudí innewohnen, um so etwas zu erdenken und umzusetzen, wissend, dass er selbst die Fertigstellung nie würde erleben. Welche Liebe zur Welt und allen Geschöpfen musste dieser Gaudí in sich tragen, um so etwas zu erschaffen. Auch der Parc Güell spiegelt diese einzigartige Schaffenskraft wieder.

In der kleinen Schule, die Gaudí damals für die Kinder der Arbeiter errichtete, fand ich ein Schild mit einem Zitat Gaudí’s, das Hinweis gab auf diese Liebe. Es lautete: „To do things right, first you need love, then technique“. Seitdem begleitet mich dieser Satz. Manchmal habe ich den Eindruck, wir Menschen überbetonen Technik und Technologie, die Liebe vergessen und verdrängen wir. Die hat keinen Platz. Wir kooperieren, jedoch nur, wenn wir auch einen Teil von der Torte kriegen statt gemeinsam eine größere Torte zu backen. Ein nachhaltiges, großartiges Gemeinschaftswerk Europa wird ohne Liebe und aufrichtige Zusammenarbeit jedoch nicht funktionieren. Zeit, auf Gaudí’s Spuren zu wandeln.

© Karin Dietachmayr