Der erste Tanz

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Der erste Tanz | story.one

Gestern war ein besonderer Tag - der 18. April 2020. Vor 28 Jahren ging unsere Tochter Lydia im Alter von 4 Monaten in die geistige Welt. Ihr Herz hatte zu schlagen aufgehört. Ich war nicht ganz unvorbereitet, denn unsere Tochter musste mit einer Sonde ernährt werden, doch die Entgültigkeit der Nachricht von ihrem Übergang traf uns als Eltern mit voller Wucht.

Ich hatte einige Jahre eine nahezu symbiotische Beziehung zu Lydia, habe oft an sie gedacht und ihr alles Glück der Welt gewünscht und ihr liebevolle Energie gesandt. Mit der Zeit wurde die Verbindung loser. Als meine Frau Elvira vor drei Jahren durch einen Schlaganfall überraschend aus dem Leben schied, wurde mein Bezug zur geistigen Welt wieder direkter und intensiver. Ich habe auch den Weg über mehrere mediale Personen gewählt, um die Verbindung lebendiger zu gestalten.

Die Erfahrungen, die ich dabei machte, haben mich in der Annahme bestärkt, dass es keine wirkliche Grenze zwischen hier und dort gibt. Das Sichtbare und das Unsichtbare bilden eine Einheit. Was die Grenze schafft, sind meine Konzepte und Vorstellungen über das, was "Realität" ist. Mit dem Herzen und mit meinem Geist bin ich nicht an das dreidimensionale Zeit-Raum-Kontinuum gebunden.

Ich möchte jedoch nicht zu philosophisch werden. Was ich für mich mitgenommen habe, ist die Gewissheit, jederzeit spirituell kommunizieren zu können, wenn es mir ein echtes Herzensanliegen ist. Das funktioniert übrigens auch in der physischen Welt. Mir passiert es recht häufig, dass ich an einen Menschen denke. Kurz darauf läutet das Telefon und die betreffende Person ist am anderen Ende der Leitung.

Ich erzähle das deswegen so genau, weil ich ein Erlebnis mit meiner Tochter Lydia real vermitteln möchte. Ich habe gestern in der Früh eine Kerze für sie angezündet und eine zierlich-anmutige Tulpe aus unserem Garten geholt. Ich habe liebevoll an Lydia gedacht. Plötzlich kam mir ein Gedanke, eine Inspiration, wie ich ihr eine Freude machen könnte.

Ich ging in mein Musikzimmer, startete das Lied "The Greatest Love Of All" und lud meine Tochter dazu ein, mit mir einen langsamen Walzer zu tanzen. Was ich dabei innerlich empfand und wie real sich alles anfühlte, lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Es war mein erster Tanz mit Lydia in dieser Art.

© Karl Ebinger