Der Wunsch eines Freundes

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Der Wunsch eines Freundes | story.one

Als ich mit Leukämie im Spital lag, besuchte mich ein guter Freund. Er kämpfte selbst seit vier Jahren mit einer Krebserkrankung. Doch es ging ihm in dieser Phase gut. Er hat mein Herz tief berührt und mir sehr einfühlsam geholfen und Mut gemacht. Ich konnte fühlen, dass er genau weiß, wie es mir geht und mich versteht.

Acht Monate später war ich geheilt, er jedoch in einem sehr schlechten Gesundheitszustand. Es war noch eine zweite Krebsart hinzugekommen.

Ich besuchte ihn zu Hause, unterstützte ihn, so gut ich konnte. Doch seine Kräfte gingen zur Neige.

Einige Tage später, er war im Spital, telefonierten wir. Seine Stimme war schon sehr schwach. Er sagte: "Ich danke dir für alles." Das klang nach Abschied. Ich war sensibilisiert und besuchte ihn am nächsten Tag in seinem Krankenzimmer.

Das Atmen fiel ihm schwer, er konnte sich kaum noch rühren. Wir hatten eine sehr innige Zeit. Er bat mich am Ende des Gespräches, seine Wirbelsäule zu massieren. Er hatte Schmerzen vom Liegen. Ich habe ihn ungefähr zehn Minuten sanft massiert. Dann sah er mich an und bat: "Noch ein bisschen." Es tat ihm gut.

Ich hatte das Gefühl, es würde das letzte Mal sein, dass ich etwas für ihn tun kann. Dementsprechend intensiv und bewusst erlebte ich diese Begegnung. Es schien, als würde alles in Zeitlupe ablaufen. Wir waren beide sehr gefasst.

Einige Tage später ist er gegangen. Meiner Überzeugung nach: vorausgegangen. Er hat nun keine Schmerzen mehr.

© Karl Ebinger