Ironie des Schicksals

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Ironie des Schicksals | story.one

Am 11. April 2019 kam es zu einer schicksalhaften Begegnung. Warum schicksalhaft? Zwei Lebenslinien trafen sich. An diesem Tag veranstaltete ich in meinem Musiksalon in Wien Strebersdorf ein Literaturkonzert.

Hinter meinem Haus beginnen die Weinhänge des Bisambergs. Es ist ein idyllischer Platz am Stadtrand von Wien, für den ich sehr dankbar bin.

Ich war innerlich aufgewühlt. Hatte in den vier Monaten davor intensiv mit den Folgen einer Leukämieerkrankung gekämpft. Just am Vormittag des Konzertes erhielt ich einen medizinischen Befund, der zeigte, dass ich außer Gefahr war und es nur mehr eine Frage der Zeit sei, bis ich völlig gesund sein würde.

Für das Konzert war ein guter Freund als Pianist engagiert. Er sandte mir am frühen Nachmittag eine Nachricht mit dem Inhalt: "Ich habe Sehstörungen, bin im Spital, melde mich." Ich gab ihm zu verstehen, er solle im Spital bleiben, ich würde eine andere Lösung finden.

Er mobilisierte jedoch seinen Sohn, nahm sich für einige Stunden Ausgang vom Spital und war fest entschlossen, das Konzert zu spielen. Er hat die Situation bravourös gemeistert und der Abend wurde ein großer Erfolg.

Ich war sehr bewegt von seiner Entschlossenheit. Seine Symptome ließen mich jedoch nichts Gutes ahnen. Einige Tage später die Diagnose: inoperabler Gehirntumor! Er hatte noch vier Monate Zeit, sich von dieser Welt zu verabschieden.

Danke, lieber Freund, für deine Freundschaft und deine außergewöhnliche Charakterstärke. Du warst immer wieder für andere da und hast wahrscheinlich intuitiv gespürt, dass es dein letztes Konzert sein würde. Leb' wohl, wir werden dich in guter Erinnerung behalten - auch als vorbildlichen Floridsdorfer.

Foto Leif Christoph Gottwald / Unsplash

© Karl Ebinger