Mosaiksteine der Ewigkeit

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Mosaiksteine der Ewigkeit | story.one

Meine Großmutter hieß Katharina, sie war eine besondere Frau. Sie lebte in Stammersdorf und war im „Ort“ (Wiener Heurigengegend) als „Kathi Tant“ bekannt. Das hatte damit zu tun, dass sie eine Seele von Mensch war, stets ein offenes Haus führte und viele Bekannte und Gäste bewirtete. Ich habe sie sehr gern gehabt.

Als sie starb – möchte eher sagen, sie ging uns voraus in die geistige Welt – war ich sehr betroffen. Sie war der erste Mensch, dessen Tod ich als junger Mann bewusst erlebte. Bei mir meldete sich der Gedanke: „Wenn ich gewusst hätte, dass die Oma plötzlich nicht mehr da ist, hätte ich die letzten Begegnungen mit ihr bewusster erlebt!“

Ich habe aus dieser Erfahrung für mein Leben gelernt. Seit dieser Zeit nehme ich Begegnungen und Gespräche mit anderen Menschen, die mir nahe stehen, sehr bewusst wahr. Je älter ich werde, desto mehr spüre ich, dass diese Erlebnisse Mosaiksteine der Ewigkeit sind. Was in meinem Herzen geschieht, nehme ich mit in die nächste Welt.

Wie war meine Oma? Ich möchte sie dir gerne vorstellen.

Di Oma hat a klan's Büchl g'habt, handg'schrieben ganz wunderbar. Dort war'n alle Geburtstag drin und ihr Anruf war dir g'wiss. Des Leb'n von da Oma war net einfoch aber sie hat an guat'n Weg für sich g'funden. Geg'n die Schläge des Schicksals im Leb'n, hat sie von Herzen alles geb'n.

Wannst sie z'Haus besucht hast, war die Tür immer ganz weit offen. Sie hat ihre Gäst' guat verköstigt, zum Abschied gab's no an Trunk. Jeden Sonntag is in d' Kirch'n aufegangen, des hat ihr die Kraft für di Woch'n gebn. Die Leut' im Ort ham sie gern g'habt. Sie war freundlich und a treue Seel'

Oma i denk no an di, dein legendär'n Erdäpfelsalat. Kumm' setz' ma uns einfoch hin, mit ana Bradlfettn und an Brot

Erst kürzlich traf ich eine Bekannte im Wiener Traditionscafe Diglas. Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen. Trotzdem fühlte sich das Gespräch an, als hätten wir uns erst gestern unterhalten. Das Bild von der kleine Ecke im Cafe, mit den roten Plüschsitzen, der stimmungsvollen Beleuchtung und dem anregenden Gespräch hat sich tief in mein Herz geprägt – es gibt sie noch: die Mosaiksteine der Ewigkeit. Was für eine Freude zu leben.

© Karl Ebinger