Überlebenskampf

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Überlebenskampf | story.one

Ich höre ihre Hilfeschreie bis auf die Straße. Ich blicke hoch an dem verlassenen Haus und sehe sie am Fenster. Sie steht dort, klammert sich an die trübe Scheibe und weint. Lautlos, aber ich kann es fühlen und mein Herz krallt sich zusammen, während ich weiter gehe und versuche nicht mehr an sie zu denken. Ich kann ihr nicht helfen. Das Haus ist leer, versperrt, - nur sie wurde zurück gelassen und weiß, dass sie dem sicheren Tod entgegen blickt. Sie beobachtet das Treiben auf der Straße, und die wenigen Menschen, denen sie vielleicht auffällt in ihrem Todeskampf am Fenster, gehen weiter.

Bis vor Kurzem war das Haus erfüllt von Leben. Es war laut, es war schmutzig, es war heruntergekommen, aber es lebte. Es wurde geweint, gelacht, gestritten, vielfaches Sprachengewirr hallte durch die Gänge und Räume.

Nun ist es tot, das Haus. Nur eine lebt noch,- vielleicht noch ein paar Tage,- wenn nicht ein Wunder geschieht und jemand sie rettet, verliert sie ihren Überlebenskampf an diesem Fenster.

Die Hilfeschreie sind verstummt. Ich blicke hoch an dem verlassenen Haus und sehe sie am Fenster. Sie steht dort, die zurück gelassene Pflanze in ihrem Topf. Leblos hängen die Blätter an ihrem Stängel, braunes, verdorrtes Gestrüpp klebt am Fenster des aufgelassenen Flüchtlingshauses, in dem es bis vor Kurzem lebte und tobte und pulsierte….

© Katalin Darthe 11.10.2019