Die Überschrift kommt zum Schluss

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Die Überschrift kommt zum Schluss | story.one

„Notsch“ haben sie zu ihm gesagt. Er war der „Notsch“ sieben Jahre meiner Gymnasialzeit lang. Es war üblich, die Familiennamen (-mit denen wir von den Lehrern angesprochen wurden-)zu verunstalten. Ich fand das immer sehr peinlich, da mein Name ein ungarischer war, und sie daraus „Gatschi“ machten, was nicht wirklich ein schönes Gefühl war. Es gab also den „Bumme“ und die „Zora“ und den „Schweini“. –Meine Liebe galt aber nur „Notsch“.Ich sah ihn schon am ersten Schultag und verliebte mich rettungslos in ihn. „Notsch“ würdigte mich keines Blickes. Ich saß schmachtend auf meinem Platz, hatte nur Augen und Ohren für ihn, was mir mehr oder weniger schlechte Noten einbrachte, und ging nicht in die Schule, um etwas zu lernen, sondern um vielleicht doch ein Wort oder einen Blick von „Notsch“ zu erhaschen.

„Notsch“ hatte die Starposition in der Klasse. Gehörte sozusagen zu den oberen 10.000, während ich eher zu der „Unterschicht“ zu zählen war. Scheu, schüchtern, pummelig und in von meiner Mutter liebevoll in selbstgenähte Kleider gesteckt, war ich der Inbegriff einer unbedeutenden und teilweise gequälten Randfigur. „Notsch“ wusste natürlich von meiner Verliebtheit. So etwas bleibt in einer Klasse einfach nicht verborgen. Es bereitete ihm teuflisches Vergnügen seine „Untertanen“ mit fingierten Botschaften zu mir zu schicken, auf die ich in meiner elfjährigen Naivität regelmäßig hinein fiel. „Der Notsch hat gsagt, er steht auf di und lasst di fragen, obst am Nachmittag mit ihm Eis essen gehst.“ Heute spür ich noch die Erinnerung an die Freudesröte in den Wangen, die mich auf Wolken schweben ließ, -bis „Wenky“ beauftragt wurde, mir mitzuteilen, dass dem „Notsch“ schlecht geworden wäre bei der Vorstellung in meiner Gegenwart ein Eis zu essen. –Er ginge lieber mit „Lichte“, die sehr begehrt in der Klasse war, weil durchgefallen, ein Jahr älter, geschminkt und mit etwas Busen gesegnet. Solche Aktionen stürzten mich zwar in tiefes Leid, taten meiner Verliebtheit aber leider keinen Abbruch. Ich blieb die „Gatschi“ für die sich keiner interessierte und er blieb der „Notsch“, unerreichbar und überheblich. Er hatte eine Clique um sich versammelt, die eindeutig das Sagen in der Klasse hatte. Sie bestimmten, wer „in“ war und ebenso, wer „out“ war. Nach der Schule gingen sie immer in die Gegenrichtung, standen dann rauchend im so genannten „Jonas-Reindl“ herum und fühlten sich wie die Beherrscher der Welt. Eines Tages nahm ich all meinen Mut zusammen und folgte ihnen in einigem Abstand. Einmal dazu gehören dürfen,- das war mein sehnlichster Wunsch. Sie lachten und redeten und nahmen keine Notiz von mir, bis sich „Notsch“ umdrehte und sagte:“ I glaub, da is ane zuvü!“ Hätte er mir einen Pfahl ins Herz gestoßen, er hätte mich nicht ärger verletzen können. Dann drehte ich mich um und ging allein in die Gegenrichtung heim.

Heute weiß ich die Überschrift für meine Geschichte: „Halt dein Maul, Notsch!“

© Katalin Darthe 19.10.2019