Flügellos entflogen

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Flügellos entflogen | story.one

Ich steige die Stufen hinauf. Jedes Mal, wenn ich an diesem Bild vorbei gehe, diesem ekligen „Gruppenbild mit Herrn“, verdrehe ich unwillkürlich die Augen und stoße einen unkontrollierten Seufzer aus.

Ziemlich groß protzt dieses Foto, wo alle so nett neben einander stehen und in die Kamera starren, von der Wand des Stiegenhauses herunter. Ich will nicht hinsehen und tue es doch jedes Mal.

Sie lächeln dieses Foto-Kunstlächeln –ich natürlich auch- und wenn man nur oberflächlich hinsieht, denkt man sich:“So ein netter Lehrkörper!“ Doch wir sind nicht ein Körper. Wir sind genau genommen neun weibliche und zwei männliche Körper, die einander im Grunde nicht ausstehen können. Einige können einander etwas weniger nicht-ausstehen, das sind die, die eine große innige Gemeinschaft haben, nämlich das Rauchen im Raucherkammerl.

Es waren schon in meiner eigenen Schulzeit die, die in der Pause heimlich aufs Klo verschwanden um zu rauchen, etwas besonderer als die, die das nicht taten. Und irgendwie wiederholt sich das hier. Sie haben das Sagen, sind die oberen in der Hierarchie, bestimmen, wie lange die Pausen dauern, und wo sich die Nichtrauchenden einzufinden haben um ihre Klassen zu beaufsichtigen.

Ich stehe am Rand dieses Fotos, wie ich auch in dieser Schule am Rand stehe. Es wiederholt sich zum zigten Mal in meinem Leben, dass ich irgendwo dazu gehören will, wo ich eigentlich weit, weit weglaufen müsste, um ja nicht dazu zu gehören. Ich will eine von ihnen sein und müsste froh sein, keine von ihnen zu sein.

Ich betrachte das Bild jeden Morgen. Da steht die Dumme neben der Falschen und die Aufbrausende neben der Eingebildeten. Es steht die Eiskalte neben der Langweiligen und die Farblose neben der Unnahbaren. Dazwischen der männliche Waschlappen.

Am Rande stehe ich. Wer bin ich? Die Ängstliche, die es nicht wagt, sich zu wehren? Die ausgehungert Abgelehnte, die demütig um ein bisschen Zuwendung und Anerkennung bettelt? Oder die fremd Seltsame, der sich keiner nähern will?

Ich hasse dieses Körperfoto an der Wand. Ein „Leerkörperfoto“ mit „ee“. –Ich betrachte mein gequältes Lächeln auf dem Foto. Nein,- ich bin keine von euch, und ich werde es auch nicht sein.

Ich breite meine Flügel aus und fliege weit, weit fort.

Ob sie das Loch im Bild sehen werden? –Ich glaube nicht, aber eigentlich wird es mir egal sein.

© Katalin Darthe 19.10.2019